Weltgericht aus St. Petri Thronfeier und St. Bartholomäus in Weisbach (um 1470)

Den Ort Weisbach gibt es in Deutschland drei Mal. Hier geht es um die unterfränkische Ansiedlung aus dem 13. Jahrhundert in der Rhön. Der Name der dortigen römisch-katholischen Kirche setzt sich aus zwei Aposteln zusammen und ist in dieser Kombination weltweit einmalig: „St. Petri Thronfeier und St. Bartholomäus“ – aus dem Lateinischen überbesetzt findet sich auch die alternative Bezeichnung „Petri Stuhlfeier“ (von der Gemeinde nicht verwendetet).
Die heutige Seitenkapelle (vor dem Altar aus rechtsseitig) war im Mittelalter der Chorraum der Kirche. Davon zeugen noch der in die Wand gelegte Tabernakel und die später vermauerte Tür in die einstige Sakristei. An der Nordwand wurde eine großformatige Wandmalerei mit einer Darstellung des Weltgerichts angebracht. Die Position ist ungewöhnlich: Aus dem (nicht erhaltenen) Längshaus heraus konnten die Besucher die Malerei kaum sehen, und auch dem Blick des Priesters, der damals mit dem Rücken zur Gemeinde die Kommunion bereitete, war sie entzogen. Üblich und geradezu Mode war jedoch im Spätmittelalter das Motiv des Jüngsten Gerichts.

Christus mit doppeltem Regenbogen erscheint hier als Richter oben, unter ihm öffnen sich die Gräber. Die Auferweckten müssen entweder nach rechts in die Hölle (zeitgenössisch als Drachenmaul gestaltet), oder nach links in das Himmlische Jerusalem. Dieses gehört zu den am besten erhaltenen Partien. Es besteht aus einem Kirchschiff mit Satteldach, an dessen Seiten sich zwei Helmtürme nach oben schrauben. Die große Tür ist weit geöffnet, dort standen vermutlich einst Petrus und ausgewählte Ständevertreter, die jedoch nur schemenhaft rekonstruiert werden konnten. Gesichert ist, dass sich unter dem Eingangsbereich eine breite Treppe oder Rampe befand. Links setzt ein zweiter, kleinerer Bau mit Treppengiebel an, der entweder zu einem Wohnhaus oder zu einem Seitenschiff des Kirchengebäudes gehört. Verbunden werden alle dieses Elemente durch eine hohe Stadtmauer, die sich als gelbes Band unten entlangzieht.

Im frühen 17. Jahrhundert wurde die Kirche auf Veranlassung von Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn (1545-1617) erstmals erweitert. Der Chorbereich wurde zum Sockel eines Kirchturms, die Malereien hat man unter Putz gelegt. Zu einer zweiten Erweiterung kam es 1966 bis 1969, als die Kirche gedreht und gegen Norden hin ausgerichtet wurde. Der einstige Chorraum wurde zur Seitenkapelle, in die man Grabsteine unterbrachte. Anlass dazu gaben die wieder freigelegten Malereien, die inhaltlich zum Thema Tod/Auferstehung zu passen schienen.
Öfters ist zu lesen, die Fresken seien im 14. Jahrhundert entstanden. Dieser Irrtum geht auf das Dehio-Handbuch zurück, in dem die Kirche mit einer dürren Zeile abgehandelt wird: „Turm im Unterbau 14. Jh. (Fresken)“. Gemeint ist damit, dass der Unterbau des Turms aus dem 14. Jahrhundert stammt und dass er Fresken besitzt – zum Alter der Fresken wird sich nicht geäußert. Oberflächliches Lesen führte zu der Legende, der Dehio hätte die Fresken auf das 14. Jahrhundert datiert. Die schriftlichen Quellen zu dieser Kirche, aus denen man mehr erfahren kann, wurden lange nach Dehios Zeiten auf Betreiben des Bistums – und gegen Widerstände aus der Gemeinde – zentral nach Würzburg gebracht. Die Folge: die Gemeinde ist ihrer Geschichte beraubt, die Initiative zu eigenen Erforschung vor Ort ist erloschen, da kaum möglich. Demnach gibt es auch keine brauchbare wissenschaftliche Literatur zu der Kirche, geschweige den zu den Wandmalereien. Aus Einsicht des Würzburger Materials geht hervor, dass die Fresken keinesfalls im 14. Jahrhundert entstanden, ansonsten wäre es in ganz Unterfranken, Westthüringen und weit darüber hinaus die älteste erhaltene Darstellung des Neuen Jerusalem. Entstanden sind sie vielmehr um 1480, ausgeführt von Malern aus dem angrenzenden Thüringer Raum. Stilmerkmale sprechen für einen noch nördlicheren Einfluss; so findet sich vergleichbares Rankenwerk in Ummanz, in Holbøl, (Syddanmark) oder in Marienberghausen. Auch der Treppengiebel stammt aus der nordischen Backsteinarchitektur, im Kontext des Himmlischen Jerusalem findet man solches nicht in der Toskana oder in Böhmen, sondern in Haderslev, Delden oder Flensburg. Ein weiteres Detail kann bei der Datierung helfen: Große, furchteinflößende Drachenmäuler (auch Höllendrachen oder Teufelsmäuler genannt) waren nicht vor 1460/70 verbreitet. Dann jedoch wurden sie zu einer Modeerscheinung, die sich vor allem über Miniaturen im deutschen Sprachraum verbreitete (Blockbuch „Der Antichrist“, MS Germ. Oct. 270 oder Diebolt Laubers „Barlaam und Josaphat“).

Heinrich Mehl: Kirchen und Kapellen in Rhön-Grabfeld, Fulda 1979.
Roswitha Altrichter, Annette Faber, Reinhold Albert, Hanns Friedrich, Stefan Kritzer: Kirchen im Landkreis Rhön-Grabfeld, Bad Neustadt 2010.

 

tags: Unterfranken, Treppengiebel, Weltgericht, Fresko, doppelter Regenbogen
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