Umkreis des Jean Pichore: Stundenbücher (1530 und 1535)

Das Walters Art Museum (Baltimore, Maryland, USA) besitzt ein frühes Stundenbuch, dessen Entstehung das Museum auf 1530 datiert. Es wäre damit also genau im gleichen Zeitraum entstanden wie das Stundenbuch MS Latin 1175 oder die Glasmalereien von Saint-Étienne in Thillaye oder Saint-Médard in Baugy. Das Stundenbuch, um welches es hier geht (Signatur MS 92.83), soll unter Einfluss des Künstlers Jean Pichore gestaltet worden sein, einem Zeichner, Buchmaler und Kupferstecher, der von 1490 bis 1520 in Paris tätig war.
Bei den Miniaturen handelt es sich um Metallschnitte aus relativ weichem Material (Zink, Kupfer), die dann auf die gleiche Weise wie beim einem Holzschnitt bearbeitet und zum Druck verwendet wurden. Nur spezialisierte Verlagshäuser wie das von Guillaume Godard in Paris waren in der Lage, solche Arbeiten auszuführen. Gedruckt wurde das Werk dann von Jean Petit – mit diesen Angaben des Walters Art Museum weiß man schon mehr als über die meisten anderen Stundenbücher jener Zeit.

Folio H5v zeigt eine Lauretanische Litanei mit einem roten Hintergrund. Man kann, um die Miniaturen der Maria Immaculata zu systematisieren, drei Hauptgruppen festmachen: Miniaturen mit einem überwiegend goldenem Hintergrund (MS Latin 1175 oder MS Latin 10563), oder mit einem blauen Hintergrund (einige Fassungen von Gillet Hardouyn, MS Français 2225 oder Simon Vostre). Darstellungen der Lauretanischen Litanei mit einem roten Hintergrund sind dagegen wesentlich seltener, man findet diesen Hintergrund eher bei französischen Glasmalereien des 16. Jahrhunderts, so in Saint-Jean au Marché in Troyes, in Saint-Étienne in Thillaye und in Sainte-Trinité in Saint-Sauveur. Übernommen von den vorangegangenen Fassungen ist die Anordnung der Symbole um die stehende Marienfigur. Es handelt sich hier um eine eher einfache Malerei, so sind die Bauwerke der Porta Coeli (oben links) und der Civitas Dei (unten rechts) in einem dunklen bzw. hellem Grau gehalten, auf goldene Akzente wurde verzichtet. Das gilt nicht für den Rahmen, der oben drei Ausbuchtungen oder Noppen hat. Diese hier noch unscheinbaren Ausbuchtungen sollten sich bald zu voluminösem Muschelwerk der Frührenaissance entwickeln; deutlicher wird dies bei MS HM 1124 oder Gillet Hardouyn (Ausgabe von 1509).

 

Es gibt noch eine weitere, spätere Fassung mit einem roten Hintergrund (Privatbesitz). Es ist kein Zufall, dass auch hier von einer Mitwirkung von Jean Pichore ausgegangen wird. Herausgebracht wurde der Band von Nicolas Higman in Paris. Es soll sich um eine Auftragsarbeit von oder für Simon Vostre gehandelt haben, einem anderen großen Miniaturisten von Stundenbüchern – das Wappen des Meisters, zwei Hunde zwischen einem früchtetragenden Baum – findet sich übrigens in diesem Werk auf fol. 149v. Vostre war gegen Ende seiner Karriere so erfolgreich, dass sein Name quasi als Gütesiegel verwendet wurde. Somit ist der Band auch keinesfalls um 1495 oder sogar noch früher entstanden, womit er sogar älter als die Drucke von Thielman Kerver wären und der Band sogar beanspruchen würde, eine der ersten Ausgaben von der Lauretanischen Litanei in seinem klassischen Aufbau zu sein. Vielmehr ist dieser Band eine Kopie von MS 92.83 aus der Zeit von etwa 1535. Das zeigt bereits der Blick auf den Rahmen: Vergleicht man ihn mit der Fassung von 1530, so sieht man, welcher Fortschritt hin zur Renaissance gemacht wurde.
Bei den Miniaturen handelt es sich nicht um hochwertige Metallschnitte, sondern um Holzschnitte, die die Symbole Mariens allerdings seitenverkehrt zeigen. So sind der Brunnen, der Marienspiegel und die Gottesstadt auf einmal auf der rechten Seite, während die Himmelspforte und der verborgene Garten hier auf der linken Seite zu finden sind. Mit dieser Fassung beginnt sich die feste Anordnung der Symbole aufzulösen, später verändert sich auch ihre Zahl. Die Zeichnungen zeigen ansonsten bereits Einflüsse der italienischen Frührenaissance, vor allem die Civitas Dei ähnelt oberitalienischer Stadtarchitektur mehr als auf früheren Fassungen. Auch der rote Hintergrund zeigt eine manieristische Tendenz, man findet jetzt, neben den goldenen Strahlen, auch freie Ornamentik.

Caroline Zöhl: Jean Pichore. Buchmaler, Graphiker und Verleger in Paris um 1500, Turnhout 2005.
Martina Bagnoli (Hrsg.): Prayers in code. Books of Hours from Renaissance France, Baltimore 2009.

 

tags: Frührenaissance, Stundenbuch, Jean Pichore
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