Malereien aus der Laurentiuskirche in Mont d’Astarac (auch St. Gilles, um 1490)
Mont d’Astarac ist ein mittelalterlich geprägtes Dorf in der Gascogne (Département Gers, Region Okzitanien), das um die dem Heiligen Laurentius geweihte Kirche aus dem 15. Jahrhundert und den kleinen Dorffriedhof herum erbaut wurde. Die fünfeckige Apsis beherbergt einen umfangreichen Zyklus von Wandmalereien aus den Jahren um 1490.

Diese Datierung ermöglicht ein Wappen von François-Philibert de Savoie, dem Erzbischof der Stadt Auch von 1483 bis 1490. Die Wiederentdeckung der Fresken im Jahr 1840 und die endgültige Freilegung durch Jean-Michel Lassure und zweier Mitarbeitern 1968 lenkte die Aufmerksamkeit erneut auf Mont d’Astarac und sein kulturelles Erbe; Besucher aus der ganzen Welt suchen diesen entlegenen Ort am Fuß der Pyrenäen auf. Ursprünglich war vermutlich der gesamte Bau mit Wandmalereien überzogen. Betritt man heute die Kirche vom westlichen Haupteingang von der Dorfstraße her, fällt der Blick direkt auf die komplexen Malereien am Ende des dreischiffigen Saals. Die bemalten Medaillons im Gewölbe zeigen die Evangelisten und Kirchenlehrer.

Bei der zentralen Wandseite des polygonalen Chores dominieren die orange-rötlichen Malereien dadurch, dass dieses Seite lediglich durch ein kleines Okulifenster unterbrochen ist. Sie wurde in vier Ebenen unterteilt: Ganz oben, um das angesprochene Fenster, wird die Grablegung Christi gezeigt. Darunter erscheint Christus erneut, diesmal als auferstandener Weltenrichter. Er ist von zwölf Personen umgeben, die hier einmal nicht die zwölf Jünger darstellen, sondern biblische Heilige, wie Moses, Maria und andere. In der dritten Zone breitet sich links das Neue Jerusalem aus. Rechts findet sich nicht, wie ansonsten, die Hölle, sondern eine systematische Reihung von weißen und gelben Gräbern. Die Verdrängung der Hölle nach rechts ist bemerkenswert und findet sich kaum einmal, vielmehr ist es meist umgekehrt: Teufel und Dämonen begeben sich weit in die linke Hälfte und wildern dort mitunter brutal unter den Auferstandenen. Von jedem Grab öffnet sich hier in Mont d’Astarac eine Steinplatte und ein Mensch ersteigt aus dem Grab, überwiegend nackt. Unter den Auferstandenen befinden sich ein Papst (mit Tiara), ein König (mit Krone), ein Bischof (mit Mitra), Kleriker (mit Tonsur) und Frauen mit langem blonden Haar. Ganz unten schließt ein spätgotisches Stempelmuster die Malereien ab.

Das Neue Jerusalem ist als vierseitige Festung mit hohen Mauern und vier Türmen dargestellt, wobei der mittige Turm breiter und höher ist. Sein spitzes Dach ragt bereits in die darüber liegende Zone. Auffällig ist die weiße Treppe zu diesem Hauptturm, die wie ausgefaltet erscheint und für den Maler eine große Herausforderung an sein perspektivisches Können darstellte. Auch andere Weltgerichte dieser Zeit zeigen diese Leidenschaft für spektakuläre Treppen, man findet sie in ganz Europa, siehe beispielsweise die Dorfkirche in Bellin, in Hjembaek oder Saint-Martin in Sillegny. Ein Engel begleitet die ersten Seligen auf ihrem Weg die Stufen der heiligen Stadt hinauf, wo sie vom Apostel Petrus empfangen werden, der ihnen mit den von Jesus übergebenen Schlüsseln die Tore geöffnet hat. Die Gesichter der Seligen, mitunter mit Rangabzeichen bekleidet, blicken aus den zahlreichen Fenstern und Sprossenfenstern des Palastes hervor. Überwiegend scheinen es Mönche zu sein, doch links ist einmal ein Bischof oder Papst (rotes Biforienfenster), rechts ein Engel mit Posaune zu entdecken. Von dieser Posaune geht ein lateinisches Spruchband aus, dessen Text sich nicht mehr gesichert wiedergeben lässt.
Jean-Michel Lassure: Les peintures murales de l’église Saint-Laurent de Mont-d’Astarac (Gers), Saint-Girons 1977.
Jean-Michel Lassure: Un atelier de sculpteurs dans la haute vallée du Gers, in: Bulletin de la Société Historique et Archéologique du Gers, 85, 1984, S. 428-442.
Jean-Pierre Suau: La Cène de l’église Saint-Laurent de Mont-d’Astarac. Peinture murale et liturgie, in: Bulletin de la Société Historique et Archéologique du Gers, 96, 1995, S. 293-309.



