Adolf Valentin Saile (1905-1994): Chorfenster der evangelischen Kirche in Meidelstetten (1951) und Chorfenster der Johanneskirche in Sersheim (1958)
Adolf Valentin Saile (1905-1994) zählt in Württemberg zu den wichtigsten Glasmalern der Nachkriegszeit, wie Rudolf Yelin (1902-1991) und Wolf-Dieter Kohler (1928-1985). In allen Kombinationen arbeiteten diese drei Künstler am Thema des Neuen Jerusalem: für einen jeweiligen Auftrag zu zweit, dann auch alleine oder sogar zu dritt. Vor allem mit Yelin kooperierte Saile, spätestens seit Sailes Glasmalermeisterprüfung 1935. Stilistisch liegen beide Künstler eng beieinander, in einigen Fällen lässt sich nicht sagen, ob es sich um ein Werk Sailes oder Yelins handelt.
Ab dem Jahr 1934 gestaltete Saile Kirchenfenster. Da die Forschungslage zu Saile, anders als zu Kohler und vor allem Yelin, dürftig ist, war bislang nicht bekannt, wann er das Thema Himmlisches Jerusalem erstmals für ein Kirchenfenster aufgriff – im Laufe der Jahre sollte es zu einem seiner bevorzugten Motive werden. Dabei ist zu bedenken, dass Fenster mit diesem Motiv aus den 1930er und 1940er Jahren im Zweiten Weltkrieg zerstört worden sein könnten. Erhalten hat sich eine Nachkriegsarbeit aus dem Jahr 1951. Diese überzeugt in Komposition und Darstellungsweise, dass kaum zu glauben ist, dass Saile hier erstmals das Himmlische Jerusalem umsetzte – die Einflüsse Yelins sind noch unverkennbar, etwa an der Christusfigur.

Bei dem Glasfenster handelt es sich um das zentrale Chorfenster unmittelbar vor dem Altar der evangelischen Kirche in Meidelstetten (Gemeinde Hohenstein im Landkreis Reutlingen). Zu dieser Kirche gibt es weder einen Forschungsstand noch einen Wikipedia-Eintrag (Stand 2025). Im Kern geht der Bau auf das Jahr 1777 zurück, hat aber mehrfach radikale Umgestaltungen und eine Purifizierung über sich ergehen lassen müssen, die fast alle historischen Spuren ausgelöscht hat. Das war 1951 und kann heute nur als überzogene Reaktion auf die Zeit des Nationalsozialismus verstanden werden: Die Vergangenheit konnte man nicht ändern, aber Bauten und Kunstgegenstände. Die Mittel waren begrenzt, so dass der Kirchenraum heute leer und kahl wirkt. Bestimmt wird der Raum von einem einzigen figürlichen Buntglasfenster im Chorbereich. Es zeigt den auferstandenen Christus auf einem Thron. Erst auf den zweiten Blick kann man erkennen, dass um ihn eine Aura gezogen ist, die an eine mittelalterliche Mandorla angelehnt ist. Bemerkenswert ist, dass Christus nur sein richtendes Schwert zeigt: die versöhnende Lilie, die in das Neue Jerusalem verweist, wurde hier weggelassen – offensichtlich kannte man die mittelalterlichen Vorbilder doch nicht so gut. Unter der Christusfigur hat Saile einen Regenbogen angedeutet, bereits hochgradig abstrakt (nach anderer Sichtweise der Schemel des Throns).

Auch die zwölf Tore als quadratische Blöcke weisen in die Abstraktion, ebenso wie die Lebensbäume mit bunten Früchten – eine Vorliebe Sailes, die sich später auch in der Stuttgarter Föhrichkirche oder der Martinskirche in Weil im Schönbuch. Hier in Meidelstetten sind es eigenartigerweise 13 Früchte: zwölf rote und eine gelbe. Aus drei der Blocktore, deren Farbanordnung übrigens nie gleicht, fließt der Lebensfluss weiter nach unten, in Richtung Altar und in die Gemeinde.

Im 20. Jahrhundert war es üblich, gleiche oder doch ähnliche Entwürfe an verschiedene Kunden zu verkaufen. Man konnte damals noch nicht ahnen, dass es technisch einmal sehr einfach sein sollte, solche Kopien ausfindig zu machen. Ob damals Künstler bewusst Kopien als Original verkauft haben, oder ob nicht vielmehr die Auftraggeber darauf bestanden, eine Kopie zu erwerben, lässt sich schwer bis gar nicht rekonstruieren. Mir ist kaum ein Fall bekannt, wo der Ankaufspreis niedriger gewesen war, weil es sich um eine Kopie handelte – dies ist Indiz dafür, dass die Künstler keineswegs angegeben haben, dass ihr Entwurf zuvor bereits einmal verwendet worden war. Gerade in Württemberg, aber auch in Hessen und im Ruhrgebiet, findet man viele Beispiele für solche Kopien, nicht nur im Themenbereich des Neuen Jerusalem. Eine Ausnahme, wo wir genau wissen, dass eine Kopie gewünscht war, führt nach Sersheim, unweit von Vaihingen an der Enz. Einer der später beruflich erfolgreichen „Söhne der Stadt“ war der Optiker und Unternehmer Carl Reichert. 1876 gründete er das Aktienunternehmen „C. Reichert Optische Werke“ für Feinmechanik und Optik mit Sitz in Wien. Bekannt war die Firma vor allem für die Herstellung hochwertiger Mikroskope, Mikrotome und sonstige wissenschaftlicher Instrumente aller Art. Mitte der 1950er Jahre machte ein Sohn des Firmengründers, Otto Reichert, eine Reise durch Nordwürttemberg, vermutlich, um die Herkunft seiner Vorfahren kennen zu lernen. In Meidelstetten war er von dem neuen Fenster begeistert und der Ansicht, in diese Formensprache könne „Kunst und Glauben vereint zu den Menschen sprechen“. Konkret lobte er die Farbwahl des Fensters, die Würde der Darstellung und die Betonung der Auferstehungshoffnung im Kontrast zu dem Gekreuzigten. 1956 schrieb er den Betrieb Saile an und erkundigte sich nach Möglichkeiten einer Zweitfassung. Gleichzeitig verhandelte er mit der Kirchengemeinde Sersheim um die Möglichkeiten, das Fenster hier in der Johanneskirche einbauen zu lassen, unter der Bedingung, dass die Herstellungskosten sowie „alle entstehenden Kosten des Einbaus, inklusive der Stundenkosten und eventueller Nachbesserungen“ vollständig von Reichert übernommen würden, was dieser in einem Schreiben vom Januar 1957 zusicherte.

Wenn auch wesentliche Merkmale des Aufbaus und der Farbgebung identisch sind, so gibt es doch minutiöse Unterschiede, die nicht verschwiegen werden sollen:
-die vier Bäume des Lebens wurden in Sersheim ersetzt durch vier Medaillons mit den apokalyptischen Wesen;
-die Tore der Stadt wurden in Sersheim mit Perlen ausgestattet;
-der ernste, düstere Gesichtsausdruck auf der Fassung in Meidelstetten ist in Sersheim einem freundlicheren Ausdruck gewichen.
Identisch und für das theologische Gesamtverständnis des Altarbereichs nicht unwesentlich ist, dass in beiden Kirchen ein hölzerner Kruzifixus direkt vor das Fenster gesetzt wurde, in Sersheim so nah, dass man das Fenster vollständig eigentlich kaum ohne den Gekreuzigten sehen kann.




