Die Hinterglasmalerei kam im 19. Jahrhundert über Bayern und Niederösterreich nach Rumänien, vor allem in die Landesteile, die damals zur Doppelmonarchie Österreich-Ungarn gehörten. Hier in Rumänien wurde vor allem das Weltgericht gerne als Thema herangezogen, zahlreiche Arbeiten vor allem aus dem Ende des 19. Jahrhunderts haben sich erhalten. Vorbild war das Zweiwegebild, welches in den Niederlanden, in Frankreich und in den deutschen Ländern wie folgt aussah: Im unteren Bereich strömt die Masse zu einem Höllentor rechts und ist verloren. Einige wenige machen sich auf den Weg nach oben und beschreiten zunächst eine gewundene Bahn, später eine steile Himmelstreppe. Sie führt zu den Mauern des Neuen Jerusalem, die klar den unteren vor dem oberen Bildaufbau trennen. In der Mitte ist die Mauer durch eine oder mehrere Pforten durchbrochen, in den Bögen begrüßen Christus und Heilige die Neuankömmlinge. Zu beiden Seiten der Pforte zieht sich Architektur entlang, Türme, Häuser, aber auch Bäume und Engel. War dieser Bildaufbau vor allem als Druckgrafik verbreitet, wurde er in Rumänien vornehmlich als Hinterglasmalerei bekannt. Glücklicherweise ist die Forschungslage gut, einige der Werke sind sogar auf das Jahr datiert.

Viele der älteren Werke sind zerbrochen oder das Glas ist über die Jahre hinweg trübe oder sogar blind geworden. Die anscheinend älteste erhaltene Malerei stammt von 1879 und wird im Nationalen Museum des Rumänischen Bauern (Muzeul Național al Țăranului Român) in Bukarest aufbewahrt. Der Bildaufbau zeigt bereits alle oben erwähnten Merkmale dieses Bildtypus. Auffällig ist die starke rechtwinklige Struktur, man findet ihn bei den Farbblöcken hinter den Blumen, bei dem grünen, roten, weißen und blauen Band im Mittelteil und bei der Architekturdarstellung. Vier Engel fliegen über der Stadt, zwei weitere finden sich in den seitlichen Stadttoren. Die Figur in der Mitte stellt Christus dar. Denkt man sich die Stadt als quadratische Anlage, so hat sie mit vier solcher Toranlagen insgesamt zwölf Tore. Die heute orange oder braun scheinende Färbung der Stadtmauer und vieler Bauten sollte einst Gold markieren. Es ist eine der wenigen Fassungen, bei der sich die Häuser links wie rechts direkt an den Rand ziehen. Zutreffend wurde darauf hinwiesen, dass alle Personen, die in den Himmel aufsteigen, einfache Bauernkleidung tragen, während die zukünftigen Höllenbewohner schmuckreiche städtische Kleidung tragen.

Ein besonderes Hinterglasbild ist oder war diese komplexe Weltgerichtsdarstellung aus Rumänien, welche handschriftlich auf das Jahr 1888 datiert ist (Sammlung Ionel Ioanidu, Bukarest). Vermutlich wurde hier ein älteres Kunstwerk in Tempera oder Öl, das verloren gegangen ist, kopiert. In der Tradition der orthodoxen Ikonemalerei sowie des Zweiwegebildes befindet sich unten links eine einfache Pforte in Form eines Torbogens. Es ist aber weder die Paradies- noch die Himmelspforte, sondern das Tor zur Hölle. Weit darüber sind zahlreiche Heilige und eine Trinitätsdarstellung zu sehen, umgeben von vielerlei eng gestaffelten Bauten, Türmen und Toren des Neuen Jerusalem, nicht unähnlich einem modernen „Wimmelbild“. Über die Sammlung Willy Pragher gelangte eine seltene Aufnahme der Malerei in das Landesarchiv Baden-Württemberg, Abteilung Staatsarchiv Freiburg (W 134, Sig. 133) – ob sich das Original erhalten hat, ist nicht bekannt. Es wäre ein frühes Beispiel für dieses Motiv in quadratischer Form und blauer Hintergrundfärbung (in Ergänzung zu dem sonst dominierenden Rot).

Von querkant über quadratisch ist diese Fassung aus Rumänien (Privatbesitz) nun hochkant. Dieses Format ermöglicht zusätzliche horizontale Bildmotive. Oben ist dies ein Fries abwechselnder Laub- und Nadelbäume, unten ein rotes Band für den glühenden Höllenstrom, darüber ein blaues Band mit roten Arkaden. Das mittlere Band mit der goldenen Stadtmauer zeigt darüber die Türme, Kirchen und Wohnhäuser in großer Vielgestalt und Farbauswahl. Einige Motive sind aus der Tradition übernommen worden, so etwa die roten Früchte des Laubbaums oben links. Mittig links findet man jetzt Abraham mit den Seeligen in seinem Schoß. Daneben wurde ein zweites Trinitätssymbol gesetzt, neben dem ersten im Tympanon der zentralen Pforte. Auch Ungewöhnliches ist zu finden: Bei der Posaune rechts wurde versucht, mit drei schwarzen Strichen und grüner Färbung den Schall zu visualisieren. Unten, über dem Zug der Weltmenschen in die Hölle, ist diese hervorragend erhaltene Glasarbeit auf 1890 datiert.

Ebenfalls von 1890 ist diese Hinterglasmalerei aus der Rumänischen Akademie Bukarest, die wieder mehr der ersten Arbeit von 1879 ähnelt, vor allem durch den Blumenschmuck an drei Seiten des Rands, eine Mode der Volkskunst am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Glas ist stellenweise trübe, an vielen Stellen finden sich dunkle Korrosionsspuren, so dass vermutet wurde, dass diese Arbeit zeitweise der Witterung ausgesetzt gewesen war. Mitten durch die Hölle zieht sich zudem eine starke Bruchstelle. Im Gegensatz zu den roten Malereien, die an der Zahl überwiegen, hat man hier eine Arbeit des blauen Typs. Der Sonne oben links sind nun Wolken beigegeben, nicht jedoch dem Mond gegenüber. Überraschend ist der Maler dieses Werks bekannt, es ist eine Arbeit von Matei Șimforea, bekannt auch als Matei sin Florii (1836-1906), ein rumänischer Glasikonenmaler aus Siebenbürgen.

In Rot bzw. Rosa hatte die Malerei einen wärmeren Charakter. Auch diese Arbeit ist unten links, vor dem „Welttor“, auf das Jahr 1890 datiert. Die Stadt ruht auf einem weißen Mauerband, das allein durch den mittigen Torbau unterbrochen ist. Die Zahl und auch Anordnung der Bauten an den Seiten ist identisch mit der blauen 1890er-Fassung und der Arbeit von 1879, was darauf hin deutet, dass es identische Vorzeichnungen gab. Diese wurden unter das Glas gelegt, anschließend wurde nach der Vorlage koloriert. Auch diese Arbeit wurde von Matei Șimforea geschaffen – seine Spezialität waren opulente Binnenrahmen, hier an den Seiten Engelsköpfe, oben und unten Lorbeerzweige. Heute befindet diese Malerei sich in einer rumänischen Privatsammlung in Cârțișoara (Siebenbürgen).

Von einer weiteren Arbeit (rote Variante) schätzen Experten, dass sie um 1890 angefertigt wurde, erneut von Matei Șimforea. Dieser hatte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf Weltgerichtsdarstellungen spezialisiert, offensichtlich gab es einen Markt dafür. Der Bildaufbau ist unverändert zu den zeitgleich entstandenen Arbeiten. Lediglich kleine Detail überraschen: Der Mond links, der sich eigentlich am Rande außerhalb der Stadt befinden sollte, berührt auf dieser Fassung bereits die Stadttürme. Neu hinzugekommen sind die zwei Wolkenbänder mit Heiligen, bekannt bereits aus der Ikonenmalerei. Rechts ist einem Band eine dunkel gekleidete Figur mit einem Buch (oder Steintafel) vorgesetzt, manche sehen hier einen orthodoxen Priester, andere Moses. Aufbewahrt wird das Werk, wie bereits das älteste Werk dieser Serie, im Nationalen Museum des Rumänischen Bauern (Muzeul Național al Țăranului Român) in Bukarest.

Unter allen Weltgerichts-Hinterglasmalereien ist diese Fassung von Matei Șimforea am bekanntesten (hier der Zustand nach Restaurierung). Sie ist in mehreren Publikationen aufgenommen, findet sich in der Wikipedia, wird im Nationalen Rumänischen Kunstmuseum in Bukarest aufbewahrt (Sammlung Avachian) und war bereits auf mehreren Sonderausstellungen zu sehen. Seine Größe beträgt 58 x 56 Zentimeter. Neben den drei Zonen Himmel, Erde und Hölle findet sich hier ganz unten eine weitere, vierte Ebene mit einzelnen Bildern oder Kästchen aus neun Folterszenen von Menschen, die an einer Kette über dem Feuer hängen. Solche Folterszenen waren beliebt, man kannte sie aus der älteren Ikonenmalerei, im Kontext mit dem Neuen Jerusalem etwa von einer Ikone aus dem Kloster Megisti (17. Jh.) oder einem Beispiel aus der Peter-und-Paul-Kapelle im Dorf Volkostrov (18. Jh.). Die Anlage der Stadt, ihre Bauten und sogar die Haltung der drei Figuren Jesus, Johannes der Täufer und Maria in der Hauptpforte ähnelt sehr der Fassung mit dem Lebensbaum (1890, Privatbesitz, s.o.), so dass man von der gleichen Vorlage ausgehen kann, die anscheinend immer noch in Gebrauch war. Auf der roten Stadtmauer links ist das Werk auf 1893 handschriftlich datiert. Hingewiesen sei nochmals auf die Vielfalt der individuellen Rahmungen, die Șimforeas Arbeiten auszeichnen.

Die erwähnte Popularität dieser Fassung ist auch durch mehreren Kopien belegt. Eine dieser Kopien wurde in den 1950er Jahren in Russland gefertigt, gelangte in den Auktionshandel und befindet sich in Privatbesitz (links). Eine andere Kopie schuf der rumänische Maler Panes Daniel im Jahr 2010 (rechts).
Otto Freytag: Hinterglasmalerei : ihre künstlerische Eigenart und Arbeitsweise in Vergangenheit und Gegenwart, Ravensburg (1937).
Juliana Fabritius-Dancu, Dumitru Dancu – Pictura țărănească pe sticlă, București 1975.
Juliana Dancu, Dumitru Dancu: Die bäuerliche Hinterglasmalerei in Rumänien, Berlin 1980.
Juliana Dancu, Dumitru Dancu: Hinterglasmalerei in Rumänien, Bukarest 1982.
Sultana Avram: Trupul şi sufletul – Evoluţie şi simbol, Sibiu 2014 (Istorie şi tradiţie în spaţiul românesc, 9).


