Es gibt eine spezielle Gruppe von Ikonen, bei der zwei Rauten einen achtstrahligen Stern bilden. In der zentralen Raute sind drei Personen zu finden: Eine übergroße Marienfigur, Christus als Kind von ihren Händen getragen, und nochmals Christus als Weltenherrscher auf dem Arm Mariens. Christus als Weltenherrscher beherrscht hier nicht etwa die alte, untergegangene Welt, sondern er wird als König des Neuen Jerusalem gezeigt, das auf dem Zionsberg thront. Die Zahl der hier versammelten Ikonen mag täuschen: Nur etwa zwei bis drei Prozent dieser Ikonengruppe zeigen das Neue Jerusalem in seiner architektonischen Gestalt.
Zu ihrem Titel „Der brennende Dornbusch“ sind Ikonen dieser Gruppe durch weitere Motive im Hintergrund dieser Darstellung gekommen, wo eben auch der brennende Dornbusch (Exodus Kapitel 3) eine Rolle spielt, neben an die fünfzig weitere Details, Figuren, Anspielungen, Inschriften verschiedener Art – diese Ikonen waren fast eine kleine Bibel mit zahlreichen Glaubensaussagen. Angeblich war diese Art von Ikonen weit verbreitet, da man sich von ihr Schutz vor Bränden versprach, vergleichbar mit Bildnisse des Heiligen Florian im Westen.
Diejenigen Ikonen dieser Gruppe, bei denen das Neue Jerusalem präsent ist, sind hier aufgenommen. Wie immer geht es darum, erst einmal eine chronologische Übersicht zu erstellen und auf die veränderte Darstellungsweise hinzuweisen. Nicht aufgenommen sind die zahlreichen Kopien und Zweitfassungen, vor allem, wenn sie hinsichtlich des Himmlischen Jerusalem nichts Neues bieten. Ebenfalls weggelassen sind neu aufgetauchte Fassungen aus dem Kunst- und Auktionshandel, wenn an der Authentizität der Ikone berechtigte Zweifel bestehen.

Bei diesem ersten Beispiel sind von Christus der Kopf, der Nimbus und seine Krone zu sehen, was bereits die gesamte Stadt ausfüllt. Zahlreiche Nagellöcher an den Heiligenscheinen Christi und der Jungfrau Maria deuten darauf hin, dass die Kronen mehrmals angenagelt wurden. Die Stadt ist ein Viereck mit hohen Türmen in den Ecken und kleinen Fenstern unten. Ein Detail ist die Leiter, die eine Möglichkeit bietet, auch ohne die Tore in die Stadt zu kommen. In der Ostkirche hat diese Leiter eine besondere Bedeutung, man kennt sie vor allem bei der Ikone des Klimakos, welche ja ebenfalls eng mit dem Neuen Jerusalem verbunden ist. Die vermutlich heute älteste Ikone des Dornbusch-Motivs ist aus der Ikonostase der Mariä-Geburts-Kathedrale im Ferapontow-Kloster in der russischen Oblast Wologda. Von dort kam sie in den Besitz des Kirillo-Belozersky-Museumsreservats (Inventarnummer j848), ebenfalls Oblast Wologda. Insgesamt ist die Ikone aus drei Lindenholzbrettern 132 x 103 Zentimeter groß, Forscher datieren sie auf die Mitte des 16. Jahrhunderts. Sie gilt als eine der ältesten erhaltenen Ikonen Russlands mit dieser Ikonographie, die mit dem 17. September sogar ihren eigenen Feiertag hat. Eine ähnliche Komposition findet man auf den Wandmalereien von Theophanes dem Griechen in der Verklärungskirche (1378), auf einem Nowgoroder Artos Panagiarion aus der Mitte des 15. Jahrhunderts sowie auf einer Ikone der Rostower Heiligen Leonti, Jesaja und Ignatius aus dem späten 15. bis frühen 16. Jahrhundert.

Zeitgleich, um 1550, entstand diese Fassung des „Brennenden Dornbuschs“ in Tempera mit vergoldetem Silberrahmen. Das Neue Jerusalem ist völlig anders dargestellt, wie zuvor und später kaum einmal. Gelbe Felsen markieren den Zionsberg. Eine Felsscholle ist offen und lässt in die dunkle Verdammnis blicken. Das Himmlische Jerusalem ist dann ein schmales Häuschen, das kaum die umgebenden Felsen überragt. Ohne Kenntnis des Kontext würde man dieses Bauwerk kaum für die prachtvolle neue, ewige Welt halten – es ist verständlich, dass diese Eigenartigkeit keine Tradition begründete. Seine Herkunft aus Russland ist näher nicht bekannt, vermutlich war es Teil einer Ikonostase. Seine Heimat hat das mit 150 x 120 Zentimeter große Kunstwerk im Staatlichen Freilichtmuseum des Kirillo-Belozersky-Klosters (dort Mariä-Entschlafens-Kathedrale).

Eine erste Kopie in Tempera der Größe 164 x 135 Zentimeter datiert vom Ende des 16. Jahrhunderts. Auch sie wanderte von einem Kloster, dem Solovki-Kloster, in eine staatliche Sammlung, das Kolomonskoe-Musem in Moskau. Auch dieses Kunstwerk war Teil einer Ikonostase, nämlich der Verklärungskathedrale innerhalb des Solovki-Klosters. Die Auswahl der Motive ist identisch mit dem ersten Beispiel, der Stil der Umsetzung, vor allem die Physiognomie Mariens, deutlicher von der Byzantinistik her geprägt.

Ebenfalls aus dem Ende des 16. Jahrhunderts ist diese Ikone, die Fachleute der Moskauer Schule zurechnen. Es handelt sich dabei um eine 117 x 92 Zentimeter große Eitempera auf Kiefernholzplatten. Ursprünglich aus der Himmelfahrtskathedrale des Petscherski-Klosters, dem berühmte Kiewer Höhlenkloster, befindet sie sich seit 1925 im Staatlichen Kunstmuseum Nischni Nowgorod, eines der ältesten und bedeutendsten Kunstmuseen in der Wolga-Region. Die Konzeption des gerade einmal 4 x 6 Zentimeter großen Jerusalems ist stark verwittert, doch wir kennen seine Anlage von späteren Ikonen: Von Jerusalem waren zwei Seiten einer Stadtmauer zu sehen, mit insgesamt drei niedrigen Türmen einschließlich Zinnenbekrönung: jeweils an den Seiten und eine in der Mitte. Die Mauerflügel stiegen zu beiden Seiten leicht an, so dass die Figur in der Stadt wie von Flügeln umschlossen wirkte, was man ansatzweise noch erkennen kann. Alles ist in variierenden Gelbtönen gehalten, Differenzierungen lassen sich nur schwer ausmachen. Fest steht jedoch, dass auch dieses Jerusalem auf einem Felsplateau gegründet war, das den Zionsberg markierte.

Eine der frühesten Fassungen konnte das Walters Art Museum (Baltimore, USA) 1994 erwerben (Inventarnummer 37.2664). Die Provenienz führt zurück bis nach Jerusalem, wo diese Ikone in den 1950er Jahren in einer Kirchen „entdeckt“ wurde. Es ist eine doppelseitige Ikone, die höchstwahrscheinlich von Zar Boris Godunow (Regierungszeit 1598 bis 1605) als Geschenk für eine Kirche in Jerusalem in Auftrag gegeben worden war, wo sie bis Mitte des 20. Jahrhunderts aufbewahrt wurde. Sie wurde dort an den Festtagen der Darstellung Mariens im Tempel (21. November) und des Propheten Mose (4. September) verehrt. Die Malerei aus Tempera und Gold hat die Maße 25 x 19 Zentimeter und befindet sich in exzellentem Zustand. Von Jerusalem sind zwei Seiten einer Stadtmauer zu sehen, mit insgesamt drei niedrigen Türmen mit einem Helmdach: jeweils an den Seiten und einer in der Mitte. Die Mauerflügel steigen zu beiden Seiten leicht an, so dass die Figur in der Stadt auch hier wie von Flügeln umschlossen wird. Alles ist einheitlich rot, Differenzierungen lassen sich kaum ausmachen und sind auch nicht gewollt. Die Stadt thront auf einem grüngelben Felsen – dem Zionsberg.

Auch in einer deutschen Kunstsammlung befindet sich ein älteres Exemplar des „Brennenden Dornbuschs“. Es wird von Fachleuten auf das 17. Jahrhundert geschätzt und kam als Schenkung des Sammlers und Ikonenexperten Reiner Zerlin (1939-2022) in das Ikonenmuseum Recklinghausen. Die Provenienz dieser 33 x 27 Zentimeter große Temperamalerei aus Russland ist gesichert; Zerlin hat das Kunstwerk persönlich auf einer Russlandreise begutachtet und erworben. Im Gegensatz zu den früheren Werken ist das Himmlische Jerusalem vereinfacht dargestellt. Da es den gleichen Rotbraunton wie der Hintergrund besitzt ist es aus der Ferne gar nicht zu erkennen. Christus sitzt hier in einem Pentagon, dessen vordere Mauer mit Goldfarbe grob ornamentiert ist. Der Zionsberg ist weggefallen. Die Türme der Stadt erscheinen lediglich als Reminiszenz an der Form der Krone der Christusfigur.

Diese Fassung gehört bereits in das frühe 17. Jahrhundert, als sich der Wandel vom alten zum neuen Stil vollzog. Die Arbeit in Tempera der Größe 117 x 88 Zentimeter soll ebenfalls aus einer russischen Klosterkirche aus Rostow am Don stammen. Hergestellt wurde sie am Hof des Metropoliten Makarios. Heute ist sie die wichtigste Repräsentation von „Brennender Dornbusch“ in der Sammlung des Rostower Museums. Die Bildmotive wurden vereinfacht oder wurden gestrichen, wie Beispielsweise die Leiter. Auch die Türme der Stadt wurden weggelassen. Hinzugefügt wurde links der Heilige Sergius von Radonesch, womit ein Bezug zu Rostow hergestellt werden sollte. Die Stadt selbst ist hier ein einheitlich rotes Pentagon, mit drei Zugangspforten an einer Seite. Der Mantel, der die Stadt umgibt, wird hier zum Wolkenfries, der auch andere Motive umhüllt.

Auch die Palech-Produktion stieg in das Bildmotiv „Brennender Dornbusch“ ein. Die dort tätigen Meister waren in der Lage, jedes gängige Ikonenbild in höchster Perfektion herzustellen. Hier handelt sich um eine um 1710 entstandene russische Ikone der Dornbusch-Thematik. Sie zeigt im Zentrum den zeittypischen Stern in Schwarz, umgeben von kontrastierendem Rot, mit einem vergoldeten, gravierten Oklad überzogen. Die Ikone der Größe 31 x 26 Zentimeter ist leider gerade im Zentrum weniger gut erhalten, aber die polygonale Stadtanlage lässt sich noch erkennen. Unten kragt eine rote Ecke der Stadtmauer aus, hinten erheben sich ockerfarbene Zacken von orthodoxen Bauten. Christus mit ernstem Gesichtsausdruck ist tief in dieser Stadt versunken und erscheint wie ein Soldat mit Helm verschanzt.

Auch die russisch-orthodoxe Kirche zur Fürbitte der Jungfrau Maria auf Luza (Zaborye) hatte in ihrer Ikonostase einen „Brennenden Dornbusch“. Im Zuge kommunistischer Enteignung kam die Temperamalerei im byzantinischen Stil schließlich in das Andrei-Rulbev-Museum nach Moskau. Das 120 x 98 Zentimeter große Kunstwerk von um 1720 zeigt im Engelstondo neben Maria und Jesus auch ein kleines Jerusalem, das mit dem auferstandenem Christus besetzt ist (ein winziges, kaum sichtbares Figürchen). Die Stadt erscheint hier als grüner Pagodenbau, beeinflusst vom Japonismus, der auch in Russland geschätzt war. Bemerkenswert ist, dass man unten am Fundament, wo sich früher der Zionsberg befand, hier zwei Türen oder Tore vorfinden kann.

Das russisch-orthodoxe Kloster Neu-Jerusalem, auch Wiederauferstehungs-Kloster genannt, ist ein Männerkloster in der russischen Stadt Istra (Oblast Moskau). Das dortige Museum besitzt eine erstklassige Sammlung von Sakralkunst. Darin ist das Gemälde „Spirituelles Labyrinth“ etwas bekannter, welches übrigens ebenfalls das Himmlische Jerusalem zeigt. Zu dem Kloster gehört auch die Auferstehungskathedrale, für welche in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine Ikone zum „Brennenden Dornbusch“ aus dem oberen Wolgagebiet entweder angekauft oder neu bestellt wurde. Das Himmlische Jerusalem wird hier zu einem roten Rahmen um die Christusbüste, die Maria mit ihren Händen präsentiert. Ein diffuser gelber Fleck unter dem Rahmen kündet vom ehemaligen Zionsberg. Nach oben kragt der Rahmen mit drei Zacken aus, hinter denen ein graues Satteldach gesetzt wurde – die Konzeption wird zum Schrein oder Reliquiar.

Um 1760 ist diese Fassung des „Brennenden Dornbuschs“ entstanden, was durch die Inschrift im oberen Bildbereich NEOPALIMAYA KUPINA identifiziert ist. Nicht nur bezüglich des Neuen Jerusalem, um das es hier vornehmlich geht, zeigt die Ikone Besonderheiten. Die Stadt oben vermengt sich mit dem Felsen unten und erscheint wie ein goldenes Haus, in dem Christus residiert. Durch den Goldton hebt sich der Nimbus, der ja ebenfalls golden ist, kaum mehr ab. Seitlich der Stadt findet man oben zwei weiße Punkte mit einem menschlichen Gesicht: Es sind Sonne und Mond, endzeitliche Begleiter, die auch auf anderen Ikonen gerne über Jerusalem gesetzt wurden. Warum sich hier aber ein dritter Himmelskörper auf dem Schleier Mariens zeigt, muss offen bleiben. Die Herkunft der 31 x 27 Zentimeter kleinen Ikone aus Russland ist unbestritten; seit 2010 befindet sie sich in Privatbesitz.

Fassungen mit dunkelblauem bis schwarzen Hintergrund waren eine Variante gegen Ende des 18. Jahrhunderts, wie dieses Beispiel von um 1780 belegt. Vermutlich ist das Kunstwerk in Smolensk oder Umgebung entstanden, angefertigt für ein russisch-orthodoxes Kloster. Dieses wurde 1928 aufgelassen, die Ikone kam nach Polen in den Kunsthandel und befindet sich heute in Privatbesitz. Es ist eine 108 x 77 Zentimeter große Malerei in Tempera, zu der sich auch ein versilberter Messingdeckel erhalten hat. Form und Farbe Jerusalems ähnelt hier der Fassung aus dem Ferapontow-Kloster. Hinzugefügt wurde eine Himmelsleiter, die ausnahmsweise einmal an der rechten Seite steht.

Das Moskauer Andrei-Rublew-Museum kam zu zahlreichen Ikonen als Schenkung von E. V. Vuchetich, darunter zwei Fassungen des „Brennenden Dornbuschs“. Eine datiert auf ca. 1780 und stammt aus Pomorie (bulgarisch Поморие), einer Küstenstadt am Schwarzen Meer. Die Stadt hatte damals eine russischsprachige Minderheit und war stark nach Moskau orientiert, zeitweise sollte Pomorie auch dem Zarenreich angeschlossen werden. Die 56 x 49 Zentimeter große Temperamalerei besitzt einen breiten Engelskreis, der zu dieser Zeit populär war. Darin findet man ein Neues Jerusalem, von dem man zwei Seiten der äußeren Stadtmauer sieht, dahinter die Rückseite der Mauer, die zu einem Baldachin ausbuchtet, so dass ein unförmiges Gebilde entsteht. An seiner rechten Seite befindet sich ein tiefroter Streifen, von dem nicht klar ist, ob er zur Stadt oder zum Gewand Mariens gehört.

Zu den letzten dunklen Fassungen gehört noch diese Ikone des „Brennenden Dornbuschs“ aus Pomorie (Bulgarien) – offenbar ein Zentrum dieses Ikonentyps. Im Gegensatz zu den russischen Ikonen dieser Bildgattung ist bereits das Format fast quadratisch, die Zahl der Bildmotive ist stark reduziert, die ineinander geschobenen Sterne fehlen. Bezüglich Jerusalems ist festzustellen, dass es die bislang einzige bekannt gewordene Fassung dieses Ikonentyps in einheitlichem Weiß ist, angelehnt an die Fassaden orthodoxer Kirchen. So sind oben auch die Zacken ohne Fenster oder Ornament belassen, allein im unteren Bereich hat der unbekannte Künstler einen braunen Eingang eingefügt. Entstanden ist diese Arbeit um 1790.

Diese Ikone von um 1800 aus dem Palech-Umfeld zeigt die zu dieser Zeit verbreitete Darstellung der Stadt mit drei Türmen in Anlehnung an die drei Tore. Dieses sollte bald in dieser Darstellungsform weiter reproduziert werden, s.u. Darunter befindet sich ein gelber Block mit weißen Schattierungen: es ist der Zionsberg mit einzelnen Felsen. Die beiden ineinander greifenden Sterne sind schwarz und rot, die am häufigsten zu findende Farbkombination. Die 45 x 39 Zentimeter große Ikone hat vermutlich in den 1970er Jahren Russland verlassen, wurde niemals restauriert und ist dafür überaus gut erhalten. Sie wurde 1918 versteigert und befindet sich seitdem in Privatbesitz, ihre weitere wissenschaftliche Erforschung ist nicht möglich.

Die Dreifaltigkeitskirche im Warnizki-Kloster am Nerosee (Oblast Jaroslawl) wurde mit Spenden von Rostower Kaufleuten unter Bischof Augustinus von Orenburg erbaut. Der Grundstein wurde am 1. Mai 1826 gelegt, der Hochaltar am 7. Oktober 1828 geweiht. Die Kirche besaß zwei Kapellen – eine dem Propheten Elias und eine dem Theologen Johannes geweiht, die heute nicht mehr erhalten sind. Erhalten hat sich aber eine Ikone aus der Erbauungszeit, die damals im Stil des 16. Jahrhunderts angefertigt worden ist. Während der achteckige Stern über die Jahrhunderte relativ unverändert blieb, zeigt das Himmlische Jerusalem eine erstaunliche Veränderungsdynamik. Hier haben die weißen Mauern die Form eines gleichschenkligen Dreiecks. Vorne kragt ein blockartiges Gebäude aus der Mauer aus, direkt dahinter hat sich Christus eingefunden, so dass der Bau wie ein Altar wirkt. Darunter ist der Zionsberg dargestellt, in Form einzelner brauner Felsblöcke.

Auch bei dieser Ikone ist Palech als Entstehungsort nachgewiesen. Das Neue Jerusalem steht auf dem Felsmassiv, nach oben ragen drei Elemente aus, der man als Zinnen oder Felszacken deuten könnte. Es handelt sich jedoch um Architektur, angelehnt an die drei Tore einer Stadtanlage. Maler wie Provenienz dieser Ikone sind nicht weiter bekannt, entstanden ist sie um 1825. Die 45 x 37 Zentimeter große Ikone befindet sich heute in Privatbesitz.

Mitte des 19. Jahrhunderts entstand diese Ikone im russischen Ort Guslitsy. Guslitsy befindet sich in der Nähe der renommierten Ikonenmalerzentren der Oblast Wladimir. Diese Zentren prägten die Arbeit der lokalen Ikonenmaler maßgeblich. Guslitsy beeinflusste vor allem die Entwicklung der altgläubigen Kunsttraditionen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Die 36 x 31 Zentimeter große Temperamalerei soll nach einer Handschrift angefertigt worden sein, die sich jedoch nicht erhalten hat. Sie gelangte schon im 19. Jahrhundert nach St. Petersburg und war dort im privaten Besitz einer frommen und bekannten Familie der Altgläubigen. Nach der Revolution hat diese das Land verlassen, die Ikone wurde konfisziert und kam schließlich im 21. Jahrhundert in den den intentionalen Kunsthandel. Die Stadt Jerusalem im Zentrum eines roten Engelsbogen ist hier in die Hand Mariens gegeben. Sie hat ein schmales Fundament und oben zwei ausragende Zacken. Die Christusfigur in ähnlich matten Grüntönen wie die Wände erscheint wie darauf projiziert.

Die mindfarbene Tönung war eine Mode der 1860er Jahre, als diese Ikone in Zentralrussland entstand (Größe: 31 x 27 Zentimeter). Man vermutet einen Meister, der sich in Palech hatte schulen lassen. Während vom Zionsberg lediglich einige weiße und gelbe Schattierungen übrig sind, wird die hier rosafarbene Architektur immer mehr zur Rückseite eines Schreins, in dem Christus wie eine Büste wirkt. Weiterhin ist die Zahl der drei Zacken geradezu kanonisch, auch wenn der zweite Christus (also das Christuskind) hier mit seiner segnenden Hand einen Zacken verdeckt.

Bis zum Ende des Zarenreiches war das Motiv „Brennender Dornbusch“ ungebrochen populär. Eine der letzten Werke aus der traditionellen Ikonenproduktion entstand um 1890. Das 32 x 27 Zentimeter große Kunstwerk ist fein gemalt auf einem gravierten, vergoldeten Grund, die Ränder wurden in Champlevé-Technik bemalt. Die farbenfrohe Palette und die stilisierten Wolken, Hügel und Gebäude lassen vermuten, dass diese Ikone im Dorf Mstera entstanden ist, sich heute in Privatbesitz außerhalb von Russland befindet. Was das Neue Jerusalem angeht, wurde sich in der Gestalt eng an die Fassung aus dem Solovki-Kloster (16. Jh.) gehalten, der Stadt jedoch ein Blauton verliehen.

Die jahrhundertealte Tradition der Ikonenmalerei endete gegen Ende des Zarenreichs in einer Farbexplosion, das zeigen zahlreiche Beispiele des Motivs „Brennender Dornbusch“. Diese 36 x 30 Zentimeter große Fassung entstand im russischen Mstera mit Merkmalen, die sich auszeichnen wie präzise Detailgenauigkeit, subtile Schattierungen und die Verwendung von transparenten Pigmenten auf graviertem Goldgrund sowie aufwendige Chrysographie und kunstvolle Kalligraphie. Das Himmlische Jerusalem ist hier durch den suggestiven gelbgrünen Kreis hervorgehoben. Wie auch auf anderen Beispielen dieser Zeit wird die Stadt zum Dekor oder zum Rahmen, ihre eigentliche Funktion scheint nicht mehr bekannt oder wird heruntergespielt. Der Zionsberg wurde gestrichen, die Stadt erscheint eher als Schrein einer Büste denn als urbane Anlage eines Weltenherrschers. Die genauen theologischen Gründe für den Niedergang des Stadtmotivs wären noch zu Erforschen; er charakterisiert übrigens nur die Fassungen des „Brennenden Dornbuschs“ und lässt sich nicht einfach auf andere Ikonengattungen übertragen.

Eine weitere Fassung dieser Ikone wurde im 21. Jahrhundert im Kunsthandel neu entdeckt. Zwar ist die Provenienz dieser Arbeit (noch) nicht bekannt, aber der Zustand und die Ausführungen bestätigen eine Herstellung um 1895. Damals war es nicht selten, dass Ikonen kaum verändert mehrfach gemalt wurden. Dieses Beispiel hat auch noch die originale Firnis und ist leicht beschädigt. Der Edelstein-Rahmen ist zurückhaltender, aber ansonsten fehlt es nicht an motivischen Zugaben. So finden sich weitere Bildmotive in den Zwickeln. Der grünliche Nimbus wurde mit gelben Sternen besetzt, die Beschriftung wurde weggelassen, ansonsten ist Jerusalem unverändert belassen.

Auf ebenfalls um 1895 wird von Ikonenexperten diese Arbeit aus Russland eingeschätzt. Von dieser Ikone sind zwei identische Fassungen bekannt, ich bringe hier die weniger beschädigte. Die kräftigen Farben der Sterne und Bildfelder mit acht Engeln lassen am Ende des 19. Jahrhunderts eine regelrechte Farbexplosion entstehen. Der vergoldete Grund mit Emaille-Imitation, die an Edelsteine denken lassen, bereiten auf die Materialien des Neuen Jerusalem vor. Dieses erscheint hier eher schlicht, die drei Zacken lassen sich kaum mehr erkennen. Auch der Zionsberg hat sich verändert. Nachdem er über die Jahrhunderte immer kleiner wurde, ist er hier zum grünen Abendmahlstisch mutiert. 2009 wurde diese Ikone restauriert, um ihre ehemalige Leuchtkraft wiederherzustellen.

Obwohl bislang nie restauriert befindet sich diese Ikone der Zeit um 1900 in exzellentem Zustand. Auffallend ist der hohe Anteil an Gold, was zusammen mit Imprägnierungen einen vornehmen Eindruck hervorruft. Das Neue Jerusalem erscheint als eine Art Schrein, hinter Christus als orthodoxen Priester. Die drei Zacken sind eine letzte Reminiszenz an die drei Tore der Stadt. Links wurde noch die Leiter hinzugefügt, aber in unnatürlicher Weise: Statt an der Mauerkante anzulehnen, endet diese Leiter im Nirgendwo. Die Ikone stammt aus der Sammlung Frank R. Brownell (1939-2025) und wurde 1995 außerhalb von Russland versteigert. Angefertigt wurde sie in Mstera, einem Zentrum der traditionellen Ikonenproduktion, geschätzt für den strengen, verklärten Stil, der hier am ehesten noch bei Maria zu erkennen ist.

Im 21. Jahrhundert ist die Ikonenproduktion geradezu explodiert, Gründe sind eine neue Popularität von Ikonen auch in der Westkirche, die zunehmende Produktivität von Ikonenmalern, die die Sowjetunion verlassen haben, und nach 1989 der neue Bedarf der russisch-orthodoxen Kirche bei Renovierungen und Neubauten. Den Hauptteil machen aber neue Ikonen aus, die schnell mit Computergrafikprogrammen und noch schneller mit der Künstlichen Intelligenz angefertigt werden. In Sekundenschnelle entsteht ein Meisterwerk, wozu man im 16. Jahrhundert Monate brauchte – selbst Experten sind nicht in der Lage, sicher zwischen jahrhundertealtem Original und moderner Neuproduktion zu unterscheiden. Zudem sind so gut wie immer die Namen der „Künstler“ und „Künstlerinnen“ kaum zu idetifizieren, man versteckt sich hinter „OrthoIcon“, „Bunny1983“, „TrueAlexa“ und ähnlichem Schwachsinn. Diese Schwemme an Bildern ist eigentlich der Hauptgrund, weshalb meine eigene Sammlung im Jahr 2000 abbricht – anschließend überwiegt das Fragwürdige. Davon ist auch das Motiv „Brennender Dornbusch“ und das darauf zu findende Himmlische Jerusalem betroffen – eine kleine Auswahl von solchen Neuschöpfungen der letzten Jahre sind hier zusammengestellt.
Иконы из собрания Ростовского музея-заповедника: Каталог, Москва 1991.
Воронцова Л. Икона Богоматери ‚Неопалимая Купина‘, in: Журнал Министерства народного просвещения, 1904, S. 62-88.
Кантарюк М. В.: Будущее человечества в символике иконы ‚Неопалимая купина‘, in: Нравственные ценности и будущее человечества. Материалы регионального этапа XXVI Международных Рождественских образовательных чтений, Москва 2018, S. 85-86.



