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Spätgotisches Holzschnitt-Fragment (um 1430)

Über Jahrhunderte erhalten hat sich ein kolorierter Holzschnitt mit einem kleinen Himmlischen Jerusalem. Man findet ihn heute in den nicht öffentlichen Sammlungen des Kupferstichkabinetts zu Dresden (Inventarnummer 1902-98 in A 62,1). Über seine Herkunft ist kaum etwas bekannt, das Blatt dürfte um 1430 im mitteldeutschen Raum entstanden sein. Wahrscheinlich gehörte es zu einer Bibelausgabe, aus der es herausgerissen wurde – das würde die starken Beschädigungen des unteren Abschlusses erklären.
Das Fragment hat das Jüngste Gericht in Gegenwart von Heiligen und dem Erzengel Michael zum Thema. An der linken Seite erkennt man Jerusalem in Form einer zeitgenössischen Kirche oder Kapelle, von der sich allerdings nur der obere Teil mit der Dachzone erhalten hat. Mit dem Dreipass (grün bemalt) und den Krabben des Dachgiebels handelt es sich um einen spätgotischen Bau, was für die genauere Datierung des Blattes nicht unwesentlich ist. Die Kirche, die pars pro toto für das Himmlische Jerusalem steht, ist eine gängige Lösung gerade für kleinere Zeichnungen, wo es am Platz für umfangreiche Stadtdarstellungen, womöglich noch mit zwölf Toren, fehlte.
Unten befanden sich vermutlich Petrus mit dem Himmelsschlüssel und eine Handvoll geretteter Menschen, meist Ständevertreter, die um Einlass baten. Rechts unten sieht man noch einen dieser Geretteten, der gerade aus dem Grab entsteigt. Der Bildhintergrund ist nicht vergoldet, sondern tiefblau, wie es in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts bei Miniaturen beliebt war (vgl. etwa MS Français 21 der BnF oder MS lat. 218 der Bibliothèque Saint Geneviève, Paris, oder die berühmte Weltgerichtsdarstellung aus dem Stundenbuch der Stadtbibliothek von Tours). Zwischen Jerusalem und Christus wurde noch eine Maria Lactans eingefügt, was im Zusammenhang mit dem Weltgericht äußerst selten ist, eigentlich kenne ich auch nur diesen einen Fall. Eine weitere Besonderheit: Üblicherweise erwächst aus dem Munde Christi ein Schwert und eine Lilie – hier jedoch ist es eindeutig ein Weinstock. Eine direkte Vorlage dieser Einfälle ist mir nicht bekannt, wir haben es also mit einem individuellen Zeichner zu tun, der den Mut zu Neuem hatte. Ob seine Innovationen geschätzt waren, ist eine andere Frage.

 

tags: Weinrebe, Holzschnitt, Bibelausgabe, Sachsen, Spätmittelalter, Gotik
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