Jerusalemleuchter aus der evangelischen Kirche in Walldorff (um 1965)

Die Waldenserkirche in Walldorf, südlich von Frankfurt in Südhessen, ist ein denkmalgeschütztes, historisches Gotteshaus, das 1699 von französischen Glaubensflüchtlingen gegründet und im Jahr 1805, als die Gemeinde zur größten deutschen Waldensergemeinde herangewachsen war, neu erbaut wurde. Durch Bahnanschluss, Industrialisierung und durch die Nähe zu Frankfurt/Main wuchs die Gemeinde weiter, so dass 1963 direkt gegenüber der alten eine neue evangelische Kirche errichtet wurde, zwischen die man 1965 das Gemeindezentrum gesetzt hat. Zur Erstausstattung der neuen Kirche gehört ein großer Leuchter im Altarbereich. Der Zweckbau aus Backstein mit Holzdecke ist im Inneren kaum künstlerisch ausgestaltet, gleiches gilt für die Prinziplastücke.

Man orientierte sich damals an die Tradition der Waldensergemeinden, die figürlichen Schmuck oder Ornament ablehnten, jedenfalls im Kirchenbau. Ausnahme war allerdings die figürliche Repräsentation des Neuen Jerusalem, die sich auch in anderen Waldenserkirchen finden lässt, so in Kleinvillars oder in Schönenberg. Hinzugefügt werden muss jedoch, dass diese Jerusalems-Darstellungen nicht zur Erstausstattung gehören, sondern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinzu kamen. Etwas anders ist es in Walldorf, wo der Jerusalemsleuchter noch zur Erstausstattung gehört.

Der Reif aus poliertem Edelstahl setzt sich aus zwölf Blöcken zusammen, die einen polygoalen Kreis entstehen lassen. Die schmalen Blöcke sind unten geöffnet: Es sind die Tore der Stadt. Die Streben dazwischen zeigen auf der Außenseite jeweils drei weitere, kleinere Blöcke: Die Stadtmauer. Dabei ist jedem Block ein weißer Lichtkörper aufgesetzt, der in Form und Farbe historische Kerzen imitiert. Auf der Innenseite sind die Zugstangen verankert, mit denen der Lichtkörper an der Decke befestigt ist.
Der Leuchter ist eine Arbeit von Joseph Jaekel (1907-1985), ein Metallbildhauer und Hochschullehrer an den renommierten Kölner Werkschulen. Jaekel war bereits ab 1930 freischaffend als Metallbildhauer tätig und nahm zunächst, wie viele junge Künstler, Aufträge aus dem kirchlichen Bereich an, beispielsweise Leuchter, Prinzipalstücke, aber auch Portale. Viele dieser frühen Arbeiten, überwiegend für Kirchen im Rheinland und im Ruhrgebiet, sind im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es vermehrt zu Metallskulpturen und Plastiken im Öffentlichen Raum. Eine figürliche Thematisierung des Himmlischen Jerusalem, wie auch anderer biblischer Thematiken, ist im Schaffen von Jaekel eine Ausnahme, so dass vermutet werden darf, dass dies ein Wunsch von Seiten der Gemeinde war. Lediglich einmal hatte der Künstler zuvor einen Leuchter für eine Kirche gestaltet, für St. Joseph in Köln-Dellbrück. Seine Arbeit für Walldorf wurde von der Firma H. Philipp für Kronleuchter 1966 angekauft, unmittelbar zuvor wurde er angefertigt. Für ganz Hessen ist es eine Besonderheit, Jerusalemsleuchter findet man ansonsten nur noch in Langen und in Dissen.

Volkmar Bühling: Festschrift zur Einweihung der neuen evangelischen Kirche in Walldorf/Hessen, am 4. Advent 1963, Frankfurt am Main (1963).
Joseph Jaekel. Getriebenes Metall und Bronzen. Ausstellung zum 70. Geburtstag des Künstlers. Köln 1977.
Gedächtnisausstellung Joseph Jaekel: 1907-1985, Köln 1988.

 

tags: Hessen, Jerusalemleuchter, Waldenser
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