Kaspar Meglinger (1595 bis nach 1667): Deckenmalerei der Kapelle Unserer Lieben Frau von Hergiswald (1654)

1654 schuf der Luzerner Maler Kaspar Meglinger (1595 bis nach 1667) die imposanten Deckenbilder der Kirche Unserer Lieben Frau von Hergiswald (Schweiz). Grundlage der Ausführung waren die Symbole der Lauretanischen Litanei, die seit dem späten Mittelalter rasant an Beliebtheit gewonnen hatten. Überwiegend waren es Glasfenster, steinerne Reliefs und Malereien, die drei bis zwölf Symbole zeigten, meist den Spiegel, die Pforte, das goldene Haus, den geschlossene Garten oder die Lilie, was alles die Reinheit Mariens zum Ausdruck bringen sollte. Bei so gut wie allen Kunstrichtungen und Bildmotiven gibt es auch bizarre Übersteigerungen oder Maßlosigkeiten, und damit haben wir es hier in Hergiswald zu tun. Meglinger brachte nicht nur die allgemein bislang bekannten Mariensymbole in Szene, sondern erfand auch zahlreiche neue Symbole, darunter Elefanten, Eichhörnchen, Löwen, Fantasiewesen, aber selbst Kräuter, Büsche, Bäume. Ohne hier auf die 324 Symbole näher einzugehen, darf gesagt werden: Alles und jedes konnte von Meglinger mit Maria in Verbindung gebracht werden; seine barocke Fantasie erinnert an die Sammelwut eines anderen Universalgenies der Schweiz, Johann Jakob Scheuchzer.
Die Decke, die mit religiösen Symbolen und Emblemen überzogen ist, wurde zu Recht als schweizerischer „Bilderhimmel“ bekannt. Betritt man die Kirche vom Süden, ist das Himmlische Jerusalem durch eine zweiflüglige, geschlossene Himmelspforte in der Hauptachse repräsentiert (Porta clausa, links).

Hier sind nicht allein vier Scharniere zu sehen, sondern auch einmal ein Türschloss. Das Schriftband, welches sich direkt über die Tür hinweg zieht, lautet „Non nisi per me“, also in etwa: „Alleine durch mich“ („kannst du in das Himmelreich gelangen“).

Ebenfalls im Eingangsbereich, seitlich rechts, findet sich eine weitere Himmelspforte, diesmal als zumindest halb geöffnetes Tor, über welches zwei Schlüssel anstelle eines Giebels gekreuzt sind. Es sind die „Schlüssel des Himmelreichs“ (Matthäusevangelium Kap. 16, Vers 19), die Christus seinem Jünger Petrus verspricht. „Clavod et aperio“ – „Ich schließe und ich öffne“ (ergänze: „die Tür bzw. das Himmelreich“). In dieser gekreuzten Form sind die Schlüssel ein traditionelles Symbol des Papsttums (vgl. dazu eine moderne Interpretation in Rafrath von 1986). Meglinger hat sich hier Folgendes einfallen lassen: Ein Schlüssel ist eisern, damit wird die Pforte verschlossen, einer ist vergoldet oder aus Gold, mit diesem wird aufgeschlossen.

Im hinteren Bereich auf der linken Seite ist die Stadt Gottes zu entdecken. Traditionell wird sie seit dem 15. Jahrhundert als Ansammlung von Häusern gezeigt, vor einer kahlen Stadtmauer mit einem Zugangstor. Betrachtet man dieses hier genau, wird man die Umrisse eines lateinischen Kreuzes erkennen – ein einmaliger Einfall Meglingers in diesem Kontext. Aus welchen Gründen auch immer ist es eines der wenigen Symbole, das zwei Mal beschriftet ist. Unten liest man „Civitas Refugii“, also die Stadt der Zuflucht. Diese alternative Bezeichnung für Civitas Dei ist älter; meiner Kenntnis nach findet man sie im Kontext der Lauretanischen Litanei erstmals in Krakau. Wegen der Beschriftung auf der Mauer bot es sich an, das Schriftband diesmal über das Symbol zu setzen, dort ist zu lesen: „Cave ne egrediare ut Semei“. Dies bezieht sich auf die heute kaum mehr bekannte Geschichte aus dem 1. Buch Könige, Kap. 2, Vers 36-46: Simei/Schimi wird von König Salomon befohlen, die Stadt Jerusalem nicht zu verlassen. Schimi, der sich der königlichen Anordnung widersetzte, um zwei geflüchtete Sklaven aus Gad zurückzuholen, wird daraufhin zum Tode verurteilt. Mit dieser Hinrichtung wird der letzte Nachkomme aus der Dynastie Sauls beseitigt, der Ansprüche auf den Thron hätte machen können.

Es gibt in der Kapelle einen weiteren, vierten Bezug zum Himmlischen Jerusalem. Dieses Symbol über dem linken Seitenaltar an der Westseite ist durch geschnitzte Figuren und Gebälk kaum einsehbar und wird daher oft übersehen. Es handelt sich um ein Himmelsfenster, wie man es schon aus der Basilika San Piero a Grado her kennt, hier allerdings ohne Engel (außer man rechnet die geschnitzten Engel hinzu) und im geschlossenen Zustand. Die zahlreichen Kreise um den Namen „Maria“ stellen Butzenscheiben dar. Heute kaum mehr bekannt waren sie über Jahrhunderte die gängige Verglasung, vor allem in Sakralbauten. Hier lautet die Bezeichnung „Coeli Fenestra“, also Himmelsfenster. Mit den Wolken, die dieses Symbol umgibt, wird der Bezug zum Bilderhimmel besonders deutlich. Dieses aufgemalte Fenster wurde durch echte Fenster beeinträchtigt und war der Witterung derart ausgesetzt, dass es 1909 komplett neu aufgemalt werden musste.

Die römisch-katholische Kapelle Unserer Lieben Frau von Hergiswald ist ein bedeutender Wallfahrtsort der Schweiz, der auf eine Einsiedelei eines Kartäuserbruders zurückgeht und sich später zu einer Kopie der Loreto-Kapelle entwickelte. Dank der Pilgereinnahmen waren die umfangreichen Malereien überhaupt zu finanzieren, denn im 17. Jahrhundert lag die Kapelle noch nicht am Rande des ausufernden Luzerns, sondern entlegen in einem Waldgebiet. Mit Kaspar Meglinger hatte man einen renommierten Künstler gewinnen können, der gerne seriell arbeitete und für seine Zyklen Anerkennung gefunden hatte. Das theologische Konzept der Ausarbeitung bekannter wie die Erfindung neuer Mariensymbole geht auf den Kapuzinerpater Ludwig von Wyl (1596-1663) zurück. Anregung fand man in unmittelbarer Umgebung: die Luzerner Franziskanerkirche und die Marienkapelle in Stans. Umgekehrt inspirierte Hegiswald zu weiteren Bilderhimmeln, so kurz danach in der Kapelle Mariazell am Sursee.

Werner Y. Müller: Ein unbekannter Zyklus Caspar Meglingers, in: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, 4, 1942, S. 137-149.
Adolf Reinle: Der Luzerner Maler Kaspar Meglinger, in: Innerschweizerisches Jahrbuch für Heimatkunde, 17/18, 1954, S. 9-30.
Dieter Bitterli: Der Bilderhimmel von Hergiswald. Der barocke Emblemzyklus der Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau in Hergiswald bei Luzern, seine Quellen, sein mariologisches Programm und seine Bedeutung, Basel 1997.
Dieter Bitterli: Die Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau in Hergiswald, Bern 2007 (2).

 

Collage: D. Bitterli

tags: Schweiz, Kanton Luzern, Zuflucht, Deckenmalerei, Barock, Manierismus, Wallfahrtkirche
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