Aus der Zeit der Erbauung der Wallfahrtskapelle Mariazell bei Sursee (Kanton Luzern), 1657/58, stammt eine frühbarocke Ölmalerei der Kassettendecke. Sie wurde im Jahr 1949 vom Kunstmaler Willi Huwiler aus Ruswil mit einer dunklen Lasur versehen. Diese Lasur wurde bei der letzten Renovierung mühsam und kostspielig wieder entfernt, was der Decke ihren ursprünglichen, helleren Gesamteindruck zurückgab. Unter den 35 Tafeln zeigt eine der vorderen die Himmelspforte, zwischen der Arche Noah und dem Elfenbeinturm.

Ihre offene Pforte lässt in einen symmetrisch angelegten Barockgarten blicken. Sie steht unten auf einer stilisierten Wolke, oben wölbt sich ein Schriftband über das Tor, auf dem „Himels-Pforte“ geschrieben steht. Darunter befindet sich ein Marien-Monogramm, von dem aus Strahlen nach oben ausgehen – auch einige weitere Tafeln zeigen dieses Anagramm, ohne das klar wird, warum mache dieses Anagramm zeigen, andere nicht.

Dazwischen schiebt sich der gewaltige Sprenggiebel, der auf mächtigen Doppelsäulen ruht, deren Gewicht durch die quadratische Sockel noch verstärkt wird. Hinter den Säulen wird der Blick freigegeben in einen barocken Garten mit Bosketten und einem Springbrunnen.

Die Kapelle birgt noch ein zweites Symbol, welches Jerusalem repräsentiert. Man findet es im rückwärtigen Bereich auf Höhe der barocken Orgel, zwischen einer Tafel mit dem verschlossenen Garten und dem „Brunnenquell des lebendigen Wassers“. Die Tendenz zur Ordnung und Geometrisierung, bei dem Barockgarten bereits angedeutet, wurde hier auf die Spitze getrieben. „Zierlich wie Jerusalem“ steht irritierend über dem Symbol – erstens ist „zierlich“ keine angemessene Charakterisierung für die Stadt Jerusalem, zweitens sieht die Zeichnung darunter alles andere als zierlich aus. Die Stadt zeigt sich als unförmiges Sechseck: An manchen Seiten stehen drei, an manchen vier Türme. Diese Türme sind gleichzeitig die Tore in die Stadt, sehen aber ganz anders aus als die Himmelspforte zuvor. Von außen ziehen sich zwölf Reihenhäuser in die Mitte und treffen sich dort in einem Bau, der eine Kirche, ein Tempel oder eine Gartenpagode sein könnte – ein solcher Zentralbau ist im Himmlischen Jerusalem eigentlich nicht vorgesehen. Die langen Häuserreihen geben Hoffnung, dass hier viele Bewohner und Bewohnerinnen unterkommen werden. Die Art der Darstellung ist neu, ohne Vor- und Nachbild. Sie zeigt einmal mehr, dass die kurze biblische Beschreibung künstlerisch in einer schier unendlichen Vielfalt interpretiert werden konnte.
Der talentierte Maler dieser beiden wie auch der übrigen 33 Tafeln in der Kirche ist namentlich nicht bekannt. Bemerkenswert ist, dass er sich konsequent für deutschsprachige Beschriftungen entschieden hat, während ansonsten im 18. Jahrhundert das Latein dominierte. Inspiriert war er sicherlich von dem Bilderhimmel in Hergiswald, der im gleichen Kanton kurz zuvor entstanden war. Jahrzehnte später machte der Augsburger Maler und Kupferstecher Christoph Thomas Scheffler (1699-1756) die Tafel mit der Himmelspforte zu einem großen Erfolg. Es ist aber unwahrscheinlich, dass die Idee, den Hortus Conclusus hinter die Pforte zu setzen, hier erstmals gefunden wurde. Vermutlich hat sich der Maler von Mariazell einer älteren Vorlage bedient, sei es als Druck oder als Wandbild, die verloren gegangen oder noch nicht entdeckt wurde.
Gaby Weber, Claus Niederberger: Sursee. Wallfahrtskapelle Mariazell: Innenrestaurierung, in: Archäologie, Denkmalpflege, Geschichte, 24, 2006, S. 157-160.
Lothar Emanuel Kaiser: Kapelle Mariazell in Sursee, Lindenberg 2007.
Claus Bernet: Torszenen, Himmelspforten, Porta Coeli, Norderstedt 2014 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 11).



