Mglw. Meister Gislebertus: Tympanon des Klosters von Anzy-le-Duc (um 1080)

In der hügeligen Landschaft des Brionnais,im südlichen Burgund, findet sich auf einer Anhöhe die ehemalige Prioratskirche Notre-Dame-de-l’Assomption (ehemals Sainte-Trinité), heute die Pfarrkirche der französischen Gemeinde Anzy-le-Duc. Neben der Kirche befindet sich ein geschlossener Hof, um den einst Unterkünfte und Wirtschaftsanlagen des Priorats gruppiert waren. Wenn man im Hof steht, erkennt man zwar neben dem Gerichtsturm einen Ein- und Ausgang, doch nichts deutet von der Hofseite auf eine hochwertige Ausgestaltung hin.

An der Südseite führt ein Tor nach unten zur Route des Colins. Dieses Tor ist ungewöhnlich prächtig ausgestaltet, aber eben nur an seiner Außenseite, wo es vom einstigen Reichtum des Priorats kündete, vielleicht auch eine im Kern apotropäische Funktion hatte. Im Aufbau ist es wie ein zeitgenössischer Kircheneingang gestaltet, etwa wie der von Saint Pierre in Lande-de-Fronsac. Ein Halbkreis, mit einem vegetabilen Zackenfries geschmückt, wird von zwei schmalen Säulen getragen.

Im Halbkreis wird hier nicht das Weltgericht gezeigt, sondern links die Anbetung der drei Könige, rechts der Sündenfall und die Ausweisung aus dem Paradies. Der Architrav dazwischen zeigt einen figürlichen Fries und nimmt setzt die Ausrichtung des Halbkreises mit der Gegenüberstellung von Gut und Böse fort, mit der Verdammnis rechts und der Rettung links.

Übrigens haben selbst die Kapitelle der Säulen diese Struktur; sie zeigen links den Segen und rechts den Fluch. Das Himmlische Jerusalem hat einen breiten Rundbogen und steht auf zwei Säulen – es ist in seiner baulichen Gestalt also auf das Tympanon hin ausgerichtet, auf dem es zu sehen ist! Leider ist auch dieser Bereich, wie das gesamte Kunstwerk, stark verwittert – zwar ist oft großspurig zu lesen, dass dieses Tympanon bereits 1851 als „Monument historique“ klassifiziert wurde, aber die Denkmalschutzbehörde hat es nach über einhundert Jahren nicht geschafft, über dem Objekt zumindest ein einfaches Schutzdach anzubringen. Das Geld, dass in die aufwendigen Dokumentationen, Inventare und das Umherreisen der Mitarbeiter fließt, wäre in bauliche Maßnahmen besser aufgehoben, aber das nur am Rande. Zurück zu etwas Erfreulichem, dem Himmlischen Jerusalem: Vier Gerettete haben hier vermutlich einst den oder die Betrachter angesehen. Diese vier Geretteten sind durch einen Bogen geschützt, auf dem zwei romanische Türmchen zu sehen sind. Ein vermutlich dritter Turm ist durch den Flügel des stehenden Engels verdeckt, der die Stadt zusätzlich schützt (eigentlich ist das Böse mit dem Eintreffen vergangen, doch bei der Gegenüberstellung von Himmel und Hölle dann doch wieder präsent und in gefährliche Nähe der Stadt gerückt). Fraglich ist, was einst auf der breiten Schauseite unter den vier Personen dargestellt war. Auch Vergleiche mit besser erhalten Arbeiten, etwa in anderen Kirchen oder auf Miniaturen, helfen hier kaum weiter. Es könnte Mauerwerk gewesen sein, etwa eine Bosequaderung, oder eine Tür mit zwei Flügeln.
Zurecht ist mehrfach auf den charakteristischen spätromanischen Stil dieses Kunstwerks hingewiesen worden. Die Objekte stehen mitunter schief, wirken fragil, wackelig – nicht nur, wenn man den göttlichen Thron heranzieht. Hingegen findet man so gut wie nichts Harmonisches oder Synchrones. Es ist stilistisch wie auch inhaltlich dem Tympanon von Autun ähnlich – wenn dies stimmt, könnte Meister Gislebertus hier in Anzy-le-Duc ein Frühwerk geschaffen haben, in Autun sein reifes Spätwerk.
Vermutlich war das Tympanon zunächst in der Kirche am Westeingang eingesetzt. Die heutige Kirche war in zwei Bauphasen entstanden. Die Apsis und das Querschiff stammen aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts (um 1080). Dann entschloss man sich, das Hauptschiff zu vergrößern und die Seitenschiffe anzubauen, was um 1110 abgeschlossen war – aus jener Zeit stammt auch das heutige, größere Tympanon aus der gleichen Schule wie das Tympanon in Notre-Dame-du-Pré in Donzy (Anzy-le-Duc: Gott in der Mandorla, von zwei Engel assistiert, darunter die zwölf Apostel um Christus). Das ehemalige, erste Tympanon, das ja erst vor gut einer Generation entstanden war, hatte noch seinen Wert und bekam seinen heutigen Standort in der Südmauer.

François Cucherat: Le B. Hugues de Poitiers, le prieuré, l’église et les peintures murales d’Anzy-Le-Duc, Macon 1862.
Raymond Oursel: Le portail eschatologique du prieuré d’Anzy-le-Duc, in: Pierre Riom, Robert Taussat (Hrsg.): Enfer et paradis, Conques 1995, S. 103-110.
Matthias Hamann: Die burgundische Prioratskirche von Anzy-le-Duc und die romanische Plastik im Brionnais, Würzburg 2000.

 

tags: Burgund, Tympanon, Romanik
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