In der Region des Lahn-Dill-Kreises (Mittelhessen) haben sich mehr mittelalterliche Wandmalereien als in anderen Regionen Deutschlands erhalten: Die Gegend ist dünn besiedelt, wenig Industrie, Kriegshandlungen und Fliegerangriffe gab es während des Zweiten Weltkriegs kaum. Einen besonders reichhaltigen Bestand von Malereien besitzt die evangelische Stadtkirche in Haiger, die in ihren ältesten Teilen auf das 11. Jahrhundert zurück geht. Die spätgotischen Wandmalereien kamen jedoch erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts hinzu. Ein zeittypisches stilistisches Merkmal sind vor allem die roten Stempelmalereien, die hier das Firmament oder den Blumenschmuck ersetzen – man findet sie auf vielen Stellen an den Decken und auch Wänden. Zwischen 1460 und etwa 1480 erfolgte der Anbau des heutigen Chors mit spätgotischen Maßwerkfenstern. Die darauf folgende Ausmalung der Wände und Decken in den Jahren von 1485 bis 1490 wurde von den letzten örtlichen Rittern, Hermann von Haiger und seinem Sohn Jost von Haiger, finanziert. Die biblischen Motive waren Gewöhnliches und finden sich auch anderswo, aber die Positionierung der Malereien und die Darstellungsweise weist Besonderheiten auf, die man anderswo nicht findet. Das Weltgericht im Chorbereich zieht sich über sieben Kappen, wobei die zentralen Bildmotive – Christus auf einem doppelten Regenbogen, Maria, und Johannes – auf einer Kappe vereint wurden. Diese Malerei ist zur Gemeinde hin ausgerichtet.

In den schmalen Zwickeln dieser Kappe war nur geringer Raum für Engel und Auferstandene, das Neue Jerusalem musste ausgelagert werden. Es fand seine Platz an der linken Seitenwand, über dem ersten Chorfenster hoch oben. Die hier zu erkennenden Einzelheiten sind für gewöhnlich aus dem tiefen Kirchenschiff heraus nicht wahrzunehmen, auch ist die Stadt oft durch den nahen Dachbereich verschattet.

Die Architekturkonglomeration ist ein Lobpreis der Asymmetrie. Links beginnt es mit einem verwinkeltem Kirchengebäude, das vielleicht etwas unglücklich freigelegt wurde. Ein auf Stelzen stehendes Haus oder Baldachin schließt sich daran an, es folgt ein Bau, der jetzt plötzlich spätgotische Maßwerkformen präsentiert. Das Ganze steht auf unterschiedlichen Nischen oder Höhlen, vielleicht auch Arkaden. Rechts kragt die Stadt plötzlich nach vorne aus und macht Platz für einen blockartigen, niedrigen Turm, der wiederum in sich verwinkelt und verschoben ist. Davor stehen zwei Figuren, die sich konfrontativ anstarren und mit den Händen berühren, aber nicht andeuten, die Stadt zu betreten. Aus der Ferne scheint zwischen ihnen eine dritte Person in gelbem Gewand zu stehen: Es ist jedoch keine Person, sondern die offen stehende, golden leuchtende Himmelspforte. Vorbilder, wenn man sie denn überhaupt suchen möchten, sind nicht flämische Weltgerichte, sondern Jerusalemsdarstellungen aus dem Piemont wie aus Mélezet, Jouvenceaux oder Sezzadio.
Was fehlt? Die Geretteten. Sie befindet sich wieder auf einer anderen Wandseite, nämlich über dem Gurtbogen der angrenzenden Deckenkappe. Hier ist entweder bereits das Original besonders herausgearbeitet gewesen, oder die Freilegung verlief exzellent, jedenfalls überzeugen die eng aneinander stehenden Figuren in ihren Gesten und Physiognomien.

Es sind nochmals die traditionellen Ständevertreter, die hier aufmarschieren, in einer Reihe ein Bischof, Papst, Nonne, Königin usw. Modern und neu sind die beiden Figuren unmittelbar vor der Gruppe: Es sind nicht besondere Würdenträger, auch keine bekannten Heiligen, sondern einfache, aber fromme Menschen.
Wie haben die Malereien die Jahrhunderte überdauert? Nachdem die Gemeinde 1578 zum reformierten Bekenntnis übertrat, wurden die Fresken ziemlich genau nach einhundert Jahren übertüncht. Wie in einer Zeitkapsel waren sie konserviert und überstanden so 1723 einen schweren Kirchenbrand. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde man auf die Malereien aufmerksam, die im Chorbereich mit dem Weltgericht dann 1905 durch den Kirchenmaler Wilhelm Batzem freigelegt wurden. Reste von weiteren Malereien im Schiff hat man zunächst als unzusammenhängend wahrgenommen und ein zweites Mal übertüncht, auch waren die Mittel für Freilegungen zunächst erschöpft und zwei Weltkriege brachten andere Sorgen mit sich. Erst 1954 folgten weitere Freilegungen durch den Kirchenmaler Hermann Velte, 1975/1976 schloss eine dritte und abschließende Etappe an, erst seitdem kann man das Weltgericht in Bezug zu den anderen dargestellten Themen verstehen, so ein Passionszyklus mit dem Einzug nach Jerusalem, die zwölf Apostel, der Heilige Martin u.a.

Karl Löber: Das Bildwerk der evangelischen Stadtkirche zu Haiger, Haiger 1954.
Gerhard Henrich: Wer war der Maler der Fresken in der ev. Stadtkirche zu Haiger? Betrachtung und Anregung zu einer intensiven Forschung zu diesem Thema, in: Haigerer Geschichtsblätter, 4, 1, 1986, S. 4-16.
Martin Bräuer: 950 Jahre Stadtkirche Haiger, Haiger (1998).



