Christoph Maximilian Pronner (1682-1763): Chorausmalungen der Idsteiner Unionskirche (1725)

Die sogenannte „Unionskirche“ ist die bedeutendste Barockkirche im ehemaligen Gebiet der Grafen von Nassau-Idstein (Hessen), die hier, in Idstein im Taunus, ihre Residenz hatten. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde die mittelalterliche Stadtkirche unter Graf Johann von Nassau-Idstein zu einer Predigt- und Hofkirche umgebaut. Protestantische Bescheidenheit war kein Thema mehr, die Kirche wurde mit einer Art Bilderhimmel ausgestattet, ähnlich wie vielleicht nur noch in Nentershausen oder in Presseck, wo ebenfalls das Neue Jerusalem eine gewisse Rolle spielt. In der Unionskirche wurden Brüstungen, Emporen, Wand- und Decken mit Bibelsprüchen und biblischen Malereien ausgestattet, die kaum etwas freie Fläche übrig lassen. Nicht weniger als 38 großflächigen Bilder in Ölfarbe auf Leinwand wurden eng aneinandergesetzt, nach einem bestimmten inhaltlichen Programm, welches auf den Höhepunkt hin, die Malereien im Chorbereich, ausgerichtet sind. Eine Vielzahl von Malermeistern samt ihrer Gehilfen und Schüler waren daran beteiligt, etwa Michael Angelo Immenraedt (1621-1683) mit Johannes Melchior Bencard aus Antwerpen; dann Joachim von Sandrart (1606-1688) sowie Johann Jakob von Sandrart (1655-1698), also der Mitarbeiter der Biblia Ectypa mit seiner dortigen Jerusalems-Darstellung.
Zu diesen älteren Werken kam zwischen 1724 und 1726 der Umbau des Chorbereiches hinzu, der nun als Gedächtnisstätte für die Grafen von Nassau-Idstein umgestaltet wurde, unter Beteiligung von Entwürfen der Künstler Franz Matthias Hiernle und Maximilian von Welsch. Die Deckenmalerei jedoch stammt von anderer Hand, nämlich von dem Gießener Universitätsmaler Christoph Maximilian Pronner (1682-1763), geboren in Nürnberg. Die Ausführungen sind einfach, da sie auf Fernwirkung hin ausgerichtet sind, und zielen auf Emotion und ehrfurchtsgebietenden Eindruck.

Betritt man heute die Kirche, steht man ganz unter dem Eindruck der Bilder auf den Emporen und Decken des Kirchenschiffs. Was im Chor auf den Besucher wartet, ist zum Teil noch durch einen modernen Lüster verdeckt.

Unmittelbar vor dem Chorbereich erscheint oben Gottvater (nicht Christus!) auf einem Regenbogen als Weltenrichter, umgeben von den vier apokalyptisch Wesen. Direkt unter ihm steht Christus in Form des Gotteslammes. Hinzu kommen die vierundzwanzig Ältesten, die diese Szene U-förmig rahmen. Wie unten die Gemeinde zum Gottesdienst versammelt ist, finden sich hier die Erlösten zur Anbetung ein.

Tritt man weiter nach vorne, so schiebt sich eine hölzerne Strahlensonne mit dem Symbol der Dreieinigkeit direkt vor das mittlere Fenster (mit einer Darstellung des auferstandenen Christus), welches vom Eingang aus noch sichtbar ist. Korrespondierend dazu öffnet sich die Pforte des Himmels. Diese besteht aus gemalten Marmorsäulen, die übrigens geschickt die ionischen Säulen und den Bogen direkt vor dem Chor darunter aufnehmen. Eine Figur im rot-grünen Gewand kniet nieder und erhebt ehrfürchtig die Hände, während zwei Türen sich weit öffnen und im Himmel Engel erscheinen (bzw. Engelsköpfe mit Flügeln). Die Figur in Allongeperücke ist keineswegs Petrus, sonder trägt die Züge von Georg August Samuel von Nassau-Idstein (1665-1721), der hier zusammen mit seiner Frau Henriette Dorothea und Kindern bestattet wurde.
2017 wurde die Unionskirche zum 200-jährigen Jubiläum der Nassauischen Union umfassend restauriert; die Aufnahmen zeigen die Malereien unmittelbar nach Abschluss der Arbeiten in ihrer ganzen Farb- und Leuchtkraft.

Rouven Pons: Für Kunst und Glauben. Die Ausmalung der Martinskirche in Idstein unter Graf Johannes von Nassau-Idstein (1603-1677), Wiesbaden 2012.
Ester Meier: ‚dergleichen man in Teutschland noch nicht gesehen‘. Die Deckengestaltung der Idsteiner Unionskirche, Marburg 2014.
Rouven Pons: Ästhetizismus und Religion. Aspekte protestantischer Kunst des späten 17. Jahrhunderts am Beispiel der Idsteiner ‚Unionskirche‘, in: Nassauische Annalen, 128, 2017, S. 327-354.
Elena Mittelfarwick genannt Osthues: Die Restaurierung der Unionskirche in Idstein, in: Denkmalpflege und Kulturgeschichte, 1, 2017, S. 2-8.
Christel Lentz: Über die herrschaftlichen Bestattungen in der evangelischen Unionskirche zu Idstein, in: Nassauische Annalen, 133, 2022, S. 21-40.

 

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