Im Spätmittelalter kam das Motiv der Lauretanischen Litanei zunächst als Miniatur auf. Um 1500 fand das Werk Eingang in Druckausgaben, was wiederum die Voraussetzung bot für die weite Verbreitung dieses Motivs als Ölmalerei im 16. und 17. Jahrhundert. Danach stand fest: Die Maria Immaculata war eines der populärsten Bildmotive der Westkirche.
Eine der frühen Druckwerke mit Holzstichen war das Bethune-Breviarium, ein Missal von um 1500. Benannt ist es nicht nach einem Maler Bethune, sonder nach der französischen Stadt Béthune, wo es im Kloster entstanden ist. Kloster, Archiv und Kirchen der Stadt wurden während der Frühjahrsoffensive der deutsch-österreichischen Armee 1918 zerstört, wobei auch Unterlagen zu dem Messbuch verloren gingen. So wissen wir nicht, wer diese Illustration entworfen oder ausgeführt hat. Dokumentieren lässt sich jedoch der große Einfluss dieses Messbuchs auf die Bildkultur, noch Petrus Canisius (1576) und Tobias Stimmer (1583) orientierten sich daran.
Das Frontispiz zeigt einige der Symbole Mariens noch recht schematisch aneinander gereiht. Charakteristisch für diese frühen Drucke ist folgendes:
-Die Trinität wird betont, indem über dem Christuskind erst eine Taube, dann Gott in den Wolken erscheint;
-die lateinische Beschriftung ist noch nicht in ein Schriftband gelegt;
-die Symbole, die das Neue Jerusalem anzeigen, also Himmelspforte und Gottesstadt, befinden sich in der mittigen Zone rechts und links von Maria.
-die Pforte links erscheint als Selbstzitat nochmals in der Stadt rechts.
Beide Symbole, Stadt wie Pforte, sind wehrhaft und blockartig im Stil der Frührenaissance ausgeführt; so scheinen sie, wie auch der Turm Davids weiter unten, aus massiven Bossenquadern errichtet.
Edward Dennis O’Connor: (Hrsg.): The dogma of the immaculate conception, history and significance Notre Dame 1958.
Steven Ostrow: Cigoli‘s Immacolata and Galileo‘s moon, in: The Art Bulletin, 78, 2, 1996, S. 218-235.

Auch in Italien war das Motiv Tota Pulchra bzw. Maria Immaculata schnell beliebt, selbst in entlegenen Regionen lässt es sich auffinden. Vielleicht haben gerade dort Malereien die Jahrhunderte unbeschadet überdauert. Das ist der Fall in San Sisto, eine Kirche aus dem 14. Jahrhundert in einem Seitental bei dem Dorf Onelli in der Region Perugia der Provinz Umbrien. In den 1530er Jahren kam der Glockenturm hinzu und auch im Hauptschiff kam es zu Umbauten. Vermutlich in dieser Zeit wurden die Malereien angeschafft, die sicherlich nicht in Onelli entstanden sind. Es ist heute eine der ältesten Darstellungen des Motivs nach der Lauretanischen Litanei am Originalstandort, orientiert am Aufbau des Bethune-Breviariums. Die geschwungenen Schriftbänder kamen eigentlich erst zu dieser Zeit auf, hier sind sie noch relativ zurückhaltend (etwa unter der Sonne bzw. dem Mond), möglicherweise ist dieses Bild also noch älter und zu Beginn des 16. Jahrhunderts entstanden. Der erste Seitenaltar links vor dem Hauptaltar präsentiert diese Malerei. Wie kaum einmal zu finden wurden hier die drei Symbole, die üblicherweise das Neue Jerusalem repräsentieren, hier in einer Linie aneinander gesetzt, in einem einheitlichen braun-weißen Farbton. Links der mittigen Marienfigur ist es die Civitas Dei, rechts die Porta Coeli, dann die Porta Clausa. Bei diesen Architektursymbolen tritt der Renaissance-Charakter dieser Arbeit am stärksten hervor.



