Jörg Stocker (um 1461, verst. nach 1527): Weltgericht aus Oberstadion (um 1485)

Die römisch-katholische Kirche St. Martinus in Oberstadion (Schwaben) ist auch ein Kunstmuseum für mittelalterliche Malerei und Bildschnitzerei der Ulmer Schule – immer wieder reisen Studenten der Kunstgeschichte von den Universitäten Ulm oder Stuttgart an, um die Kunstwerke im originalen Umfeld erleben zu können. Beinahe wäre alles ganz anders gekommen. Spätestens Endes des 19. sammelten Museumsbeamte Kunstwerke aus Kirchen ein, mit dem Argument, sie seien in Museen sicherer aufbewahrt. Leitbild war das Landes- oder Nationalmuseum, in denen Kunst und Geschichte einer Region oder Nation konzentrieren sollten. Leider haben sich viele Pfarrer, die mit solchen Fragen überfordert waren, beeinflussen lassen und haben ihre Kirchen leergeräumt. Auch in Oberstadion war dies der Fall. Um 1920 wurde der spätmittelalterliche Altar an das die Staatssammlung vaterländischer Altertumsdenkmale nach Stuttgart abgegeben, glücklicherweise zunächst als Leihgabe für die Sammlung im Alten Schloss. 1931 kam es dort zu einem ausufernden Kaminbrand, dem zahlreiche Schnitzereien und Gemälde zum Opfer fielen. Die Kirchengemeinde forderte daraufhin den Altar, bzw. was davon übrig geblieben war, zurück. Diese Rückführung rettete wahrscheinlich die Fragmente vor der endgültigen Vernichtung, da das das Alte Schloss 1944 bei einem Fliegerangriff zerstört wurde. Bis heute jedoch bettelt das Landesmuseum, dass die Kirche doch Werke zu Sonderausstellung ausleihen möge, was man nach den negativen Erfahrungen jedoch ablehnt.
An der linken Seitenwand des Presbyteriums befindet sich heute ein mehrteiliges Tafelbild aus den Jahren 1480/90, das dem Jüngsten Gericht gewidmet ist.

Die Teile hingen einst nicht an dieser Wandseite, sondern rückwärtig des ehemaligen Hochaltars. Das ehemalige Triptychon ist nur teilweise erhalten, und das auch nur schlecht: Der dritte Flügel mit der Hölle ging bei dem erwähnten Brand ganz verloren, das Mittelteil wurde im oberen Bereich angesengt (daher fehlt der Christuskopf vollständig) und auch die linke Tafel ist in ihrer Mitte beschädigt, so dass die Geretteten vor der Himmelspforte nun zweigeteilt sind. Die Geretteten sind teilweise nackt, ein Mann und eine Frau mit langen Jahren stellen Adam und Eva dar. Sie sind zwar die ersten Menschen, doch betreten keineswegs die Pforte zuerst, da sie von kirchlichen und geistlichen Würdenträgern verdrängt werden. Unter ihnen kennzeichnen vor allem die Kopfbedeckungen Frauen und Männer verschiedener Gesellschaftsschichten, angeführt von einem Bischof mit Mitra. Goldene Strahlen berühren bereits die ersten Eintretenden. Vom Himmlischen Jerusalem sind allein goldene Profilleisten des Rundbogens zu sehen, nach oben grenzt ein blaugrünes Wolkenband den irdischen vom himmlischen Bereich vollständig ab – in der Konzeption also ähnlich wie Weltgerichte von Michael Wolgemut oder von Martin Schaffner aus gleicher Zeit.

Möglicherweise gingen bei dem Triptychon aus Oberstadion auch Teile der linken Seite verloren und die Pforte war ursprünglich etwas größer. Daraufhin deutet die Anlage der Engel im Vordergrund: Der rechte ist prächtig gekleidet und seine Flügel erheben sich hoch. Der linke scheint Eva etwas zuzuflüstern, sein Gewand ist vollständig weiß, doch seine Flügel sind nach links beschnitten. Gleiches gilt für den Heiligen darüber, dessen Nimbus ursprünglich sicherlich nicht zerteilt und damit unleserlich gewesen war.
Dennoch vermitteln die Fragmente etwas von der Pracht dieses in der Qualität einmaligen Weltgerichts, dass zu den besten Arbeiten dieses Genres überhaupt gehört. Allein die Durchbildung der Physiognomien der Geretteten ist ein Meisterwerk, in ihnen sind Emotionen wie Erstaunen, Zweifel, Hoffnung, Vorfreude und anderes festgehalten. Die Tafelmalerei entstand unmittelbar nach Erbauung der Kirche und gehört noch zur Erstausstattung. Der für die Konzeption verantwortliche Maler war Jörg Stocker (um 1461, verst. nach 1527), der in Ulm eine eigene Meisterwerkstatt mit zahlreichen Angestellten betrieb.

Daniela Gräfin von Pfeil: Jörg Stocker – ein verkannter Maler aus Ulm, in: Württembergisches Landesmuseum Stuttgart (Hrsg.): Meisterwerke massenhaft. Die Bildhauerwerkstatt des Niklaus Weckmann und die Malerei in Ulm um 1500, Stuttgart 1993, S. 199-210.
Georg Steinle, u. a.: Oberstadion. Sankt-Martinus-Kirche sowie die Kirchen und Kapellen der Teilorte, Lindenberg 2002.
Herbert Goeser: Kath. Kirchengemeinde Oberstadion, St. Martinus, in: Heilige Kunst, 36, 2007/2008, S. 205-207.

 

tags: Ulmer Schule, Schwaben, Weltgericht, Spätmittelalter, Verlust
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