Um 1515 war die Darstellung der Maria Immaculata mit einer Auswahl ihrer Symbole das große Thema, vor allem in Frankreich. Es gab das Motiv bald als Relief in Stein (Blot l’Église, Nogent-Sur-Seine, Montdidier), in Glas auf Kirchenfenstern (in Crouy sur Ourcq, Montdauphin, Roberval) und in Stundenbüchern als Miniatur. Früher noch als die Stundenbücher von Gillet Hardouyn, von MS lat. 10563 und von MS 1175 ist vermutlich an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert dieses Stundenbuch entstanden, das mit lediglich 78 Seiten zu den kleineren dieser Gattung zählt. Der Band hat heute den Titel „Horae et preces Annae de Rohan“ – er befand sich später im Besitz von Anne de Rohan, der Ehefrau des Adeligen Hofmanns und Offiziers Pierre de Rohan. Aufbewahrt wird der Band in der Französischen Nationalbibliothek in Paris, unter der Signatur MS Latin 1391.
Obwohl vermutlich das älteste ist dieses Stundenbuch auch dasjenige, über welches man wenig weiß; der Auftragsgeber und die Miniaturisten sind namentlich nicht bekannt. Wissenschaftlich hat sich eigentlich nur Danièle Alexandre-Bidon mit dem Band beschäftigt, allerdings nicht unter kunstgeschichtlichen, sondern sozialgeschichtlichen Fragestellungen.

Die Gebete und Andachtstexte von sind in Altfranzösisch, als Entstehungsort wird ein Skriptorium bei Paris vermutet. Die sieben ganzseitigen Miniaturen des Bandes sind auffällig dunkel, Blau und Schwarz sind die vorherrschenden Farben. Über der stehenden Marienfigur erscheint Gottvater im Himmel, mit Tiara und vor goldenem Hintergrund – diese Elemente sind noch im 15. Jahrhundert verwurzelt, wie auch der vergoldete Rahmen. Um die Marienfigur wurden nicht weniger als 14 Symbole gesetzt. Die meisten sind ganz in Gold gehalten, so auch die Porta Coeli oben links und die Civitas Dei unten rechts. Die Himmelspforte zeigt sich, wie eigentlich alle Pforten des 16. Jahrhunderts, als Stadttoranlage mit zwei Türmen. Die Civitas Dei ist weniger gut zu erfassen. Die Stadtmauer und die Bauten in der Stadt verschmelzen zu einem rechteckigen Block. Überhaupt ist das Rechteck charakteristisch für die künstlerische Ausgestaltung dieser Miniatur. Das kann man sehr gut an den Schriftbändern erkennen, die eigentlich Schriftblöcke heißen müssten. Die breiten weißen Streifen passen kaum zu den feinen Federzeichnungen. Auch aus vorherigen oder späteren Stundenbüchern sind keine derart dominant hervorgehobenen Schriftbänder bekannt.
Victor Leroquais: Les livres d’heures manuscrits de la Bibliothèque Nationale, 1, Paris 1927.
Danièle Alexandre-Bidon: Des femmes de bonne foi. La religion des mères au Moyen Age, in: Jean Delumeau (Hrsg.): La religion de ma mère. Le rôle des femmes dans la transmission de la foi, Paris 1992, S. 91-122.
Danièle Alexandre-Bidon: Apprendre à vivre. L’enseignement de la mort aux enfants, in: Danièle Alexandre-Bidon, Cécile Treffort (Hrsg.): A réveiller les morts. La mort au quotidien dans l’Occident médiéval, Lyon 1993, S. 31-41.


