Heinrich Froitzheim (1875-1944): Apsisamalerei der Nikolauskirche in Essen-Stoppenberg (1914/15)
Das Ruhrgebiet hatte, explizit in Städten wie Essen oder Hagen, einen bedeutenden Bestand an Jugendstilbauten. Die meisten sind entweder im Krieg zerstört oder in den 1960er Jahren abgerissen worden. Wie durch ein Wunder hat die einst römisch-katholische Nikolauskirche in Essen-Stoppenberg den Krieg und den Abrisswahn der 1960er Jahre relativ unbeschadet überstanden, so dass man heute im Inneren eine der bedeutendsten Malereien im Stil der Beuroner Schule bzw. des frühen Jugendstils finden kann.

Erbaut wurde die Nikolauskirche 1906/07 durch den Kölner Architekten Carl Moritz (Vorbild: Konstantinbasilika in Rom). Die Innenraumgestaltung übernahm der Bildhauer Heinrich Pütz. Als der Bau am 17. Oktober 1907 feierlich eingeweiht wurde, war die Apsiskalotte noch nicht ausgemalt, sondern das erfolgte 1914/15. Solche Verzögerungen sind nichts Unübliches und haben meist einen finanziellen Hintergrund. In der Kalotte findet man Christus Pantokrator als Richter auf einem Regenbogen, assistiert von den vier Evangelisten. Direkt unter dem Gewand von Christus (dessen Füße nicht sichtbar sind) erscheint ein Objekt, dass man in dieser ungewöhnlichen Form so schnell nicht wiederfinden wird: eine Art Brunnenstadt.

Im unteren Bereich erscheinen drei sich verjüngende Stockwerke, die unteren beiden sind rund, das obere anscheinend ein Hexagon. Jedes Stockwerk ist anders gestaltet: Bögen, quadratische Fenster, rechteckige Türen. Aufgesetzt ist dieser Plattform ein Monopteros, aber nicht im antiken Gewand, sondern im gotischen Stil. Bekrönt ist er von einem lateinischen Kreuz. In diesem Monopteros erscheint eine dreifache Fontäne mit goldenem Wasser. Das Wasser fließt dann an den Außenseiten der drei Stockwerke herab, bevor die Ströme sich in das umgebende Meer ergießen – es soll hier auf die vier Paradiesflüsse aus dem Alten Testament angespielt sein, also Pischon, Gihon, Tigris (Hiddekel) und Euphrat (Perat).
Vorbild dieser Malerei waren vor allem römische Mosaike, wie in San Giovanni in Laterano, wo ebenfalls in der Schnittachse der Apsis eine Darstellung von Christus, eine Taube, die Paradiesflüsse und etwas Jerusalemsarchitektur zu finden sind.
Die Malerei in Essen ist an keiner Stelle datiert oder signiert, die Unterlagen darüber gingen im Krieg verloren gingen. Eine erste Zuschreibung geht zurück auf Pfarrer Helmut Mühlenberg und nennt Heinrich Froitzheim (1875-1944) aus Kevelaer. Dies wurde inzwischen durch einen Artikel in in der Morgen-Ausgabe der Kölnischen Volkszeitung vom 24.12.1914 bestätigt, wo auch eine Mitwirkung des Kölner Baurats und Architekten Carl Moritz (1863-1944) erwähnt wird. Froitzheim hatte, nach Besuch der Kunstgewerbeschule Düsseldorf und der Kunstakademie München, die Kirche in Wickrath ausgemalt (1895, Kriegsverlust). Nach dem Ersten Weltkrieg waren profane Ölgemälde sein eigentlicher Schwerpunkt, doch gelegentlich wurde er auch zu Kirchenfenstern herangezogen (erhalten: Marienbasilika in Kevelaer und Kirche Herz Jesu in Hövel; Verlust: Johannes-Kirche in Krefeld und Schutzengel-Kirche in Oppum). Die souveräne Bildkomposition und die qualitätsvolle Ausführung in Essen-Stoppenberg steht hier in keiner Weise hinter ähnlichen Arbeiten seiner Kollegen Adolf Quensen, Otto Vittali oder Paulus Krebs zurück. Froitzheim hat hier sein sakrales Meisterwerk geschaffen, dass wie durch ein Wunder die Kriegszerstörungen überlebt hat.
Heinz Dohmen: Abbild des Himmels. Tausend Jahre Kirchenbau im Bistum Essen, Mülheim (Ruhr) 1977.
Peter Lingens: Kirchenmaler vom Niederrhein. Der Gelderner Heinrich Brey (1872-1960) und seine Kevelaerer Berufskollegen, Kleve 1998.
Anne Heinig: Die Krise des Historismus in der deutschen Sakraldekoration im späten 19. Jahrhundert, Regensburg 2004.



