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Hermann Geyer (1934-2016): Heilig Geist Kapelle in Ergenzingen (1980)

Die Heilig Geist Kapelle in Ergenzingen (Landkreis Tübingen) ist ein ganz besonderes Gotteshaus, was man bereits von außen ablesen kann. Sie befindet sich unmittelbar am Kirchenturm und ist von der modernen Kirche getrennt. Von dem spätmittelalterlichen Vorgängerbau blieb Dank radikaler Abrissarbeiten in den 1960er Jahren lediglich der Turm und der spätgotischer Chor aus dem Jahr 1479 erhalten. Viele Besucher denken sogleich an fremde Kriegszerstörung, doch es handelt sich um selbstverschuldete Heimatzerstörung. Der Chor wurde von seinem Schiff abgetrennt und mit einer Sichtbetonwand abgeschlossen, die noch heute den Ort ziert. Man hat diese mittelalterlichen Spolien damals nur deswegen nicht vollständig abgerissen, da sie, so der damalige Bauleiter und Architekt, als Mahnung an eine überkommene und rückständige Zeit in Erinnerung bleiben sollten. Entsprechend kahl und ungenutzt blieb der Chorraum viele Jahre, bis sich langsam der Zeitgeschmack änderte. Ende der 1970er Jahren kam das Bestreben auf, den Chorraum gestalterisch aufzuwerten, um ihn für kleinere Feiern besser nutzen zu können.

Hauptaugenmerk sind vier schmale Fensterbahnen, für die sich die katholische Gemeinde Beispiele für Gottes Wirken durch die Geschichte wünschte. Dazu gab es detaillierte Entwürfe des damaligen Pfarrers und Dekans Vinzenz Härle. Umgesetzt wurden die Glasmalereien dann 1980 durch den Künstler Hermann Geyer (1934-2016) aus Ulm, der auch Fenster für katholische Kirchen in Andernach und in Rheine gestaltet hat.

Das Himmlische Jerusalem findet sich als erstes Fenster der vierten Fensterbahn rechts außen. In einem Quadrat erscheint unten die neue, grüne Erde. Auf ihr stehen zwei Bäume; der Baum der Erkenntnis aus dem Alten und der Baum des Lebens aus dem Neuen Testament, wie schon eine Moskauer Ikone um 1720. Rote Früchte bringen Farbe und Wärme in den ansonsten kühlen blau-weißen Fensterausschnitt. Betrachtet man die weißen Rahmung, die die Stadtmauer ausmacht, etwas genauer, findet man in regelmäßigen Abständen blaue Striche. Es sind die zwölf Tore, bei denen angedeutet ist, dass durch sie das Wasser des Lebens strömt und die neue Schöpfung befruchtet.

Armin Geke, Felicitas Kellner, Klaus Rennemann: 50 Jahre Heilig-Geist-Kirche in Ergenzingen, Rottenburg am Neckar (2017).

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tags: Württemberg, Neckar, Baum, Lebensbaum, Abriss, Kapelle
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