Ingrid Seddig (1926-2008): Altarkreuz der Lutherkirche Fellbach (1971)

In der evangelischen Lutherkirche in Fellbach bei Stuttgart befindet sich bereits ein Schalldeckel aus dem späten 17. Jahrhundert, dem einige Tore des Himmlischen Jerusalem aufgesetzt sind. Zu dieser Arbeit der Spätrenaissance kam viele Generationen später ein weiteres Kunstwerk, welches das Thema des Neuen Jerusalem aufgreift – erneut nur angedeutet, ohne Vorkenntnisse relativ schwer zu erkennen. Diesmal handelt es sich um ein Altarkreuz. Solche Altarkreuze, Schmuckkreuze oder auch Hängekreuze waren eine Leidenschaft der 1960er und 1970er Jahre, in Abgrenzung zu den älteren Kruzifixus-Darstellungen. Ganz überwiegend findet man sie in norddeutschen Kirchenbauten. In Süddeutschland, vor allem in Baden und Württemberg, zeigen evangelische Kirchen sehr oft bereits an den Altar- oder Chorfenstern das Himmlische Jerusalem, so dass sich in diesen Fällen eine Verdopplung der Thematik ausschloss. In der Fellbacher Lutherkirche wird der Chorbereich durch die Bänke, Empore und Orgel akzentuiert, die Glasfenster liegen im Hintergrund und zeigen zum Teil gar keine figürlichen Motive.

So lag es nahe, den protestantisch-nüchternen Altarbereich künstlerisch etwas aufzuwerten. Dafür beauftragte man 1971 Ingrid Seddig (1926-2008), die bereits 1965 das Lesepult für die Kirche geschaffen hatte. Ihr Altarkreuz hat die Form eines gleicharmigen griechischen Kreuzes. Im mittigen Quadrat sind das Alpha und Omega ineinander verschoben. Die vier Rechtecke der Kreuzesarme wurden mit den vier Wesen der Apokalypse besetzt, die gemeinhin als die vier Evangelisten gedeutet werden, dem Uhrzeigersinn nach Matthäus (Engel), Markus (Löwe), Johannes (Adler) und schließlich Lukas (Stier). Sie sind mit einem Fries umzogen, dessen vergoldete Bronze mittels Einkerbungen und Auslassungen die Tore und Perlen der Stadt andeuten, was man auch von der Rückseite gut erkennen kann.

Walther-Gerd Fleck: Lutherkirche Fellbach. Festschrift, Fellbach (1971).
Walther-Gerd Fleck: Lutherkirche Fellbach, Fellbach (1977).
Adolf Schahl (Bearb.): Die Kunstdenkmäler des Rems-Murr-Kreises, München 1983.
Evangelische Kirchengemeinde Fellbach (Hrsg.): Die Fellbacher Lutherkirche. Ein kleiner Kirchenführer, Fellbach (2019).
Helge Bathelt: Ingrid Seddig – Kunst als Botschaft, Mainz 2021.

 

tags: Altarkreuz, Tischkreuz, Bronze, Baden-Württemberg, vier Wesen, Alpha und Omega
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