Das „Heures a lusaige de Romme tout au long sans riens requerir“ ist eine Arbeit, die im Jahr 1510 in Paris entstanden ist, in der dortigen Werkstatt und Druckerei von Gillet Hardouyn (geb. 1455), wo man sich auf Stundenbücher spezialisiert hatte. Gillet Hardouyn war erst Buchhändler, dann auch Miniaturist. Einer seiner Mitarbeiter war Germain Hardouin, wobei das Verwandtschaftsverhältnis dieser beiden nicht klar ist. Vorlage von „Heures a lusaige de Romme tout au long sans riens requerir“ war eine Ausgabe von Simon Vostre, die man etwas verfeinerte und hochwertiger ausführte. Seit 1929 ist das Stundenbuch im Besitz der Bibliothek der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (Signatur Ant. 76).

Links neben der stehenden Marienfigur ist die Himmelspforte zu sehen, rechts unten die Gottesstadt. Alle Architekturen, einschließlich des Davidturms, sind ähnlich als zweitürmige Schlossanlage mit rotbrauner Fassade und blauen Dächern gestaltet. Die farbige Illustration befindet sich ganzseitig fast am Ende des Buches. Es existiert keine durchgängige Seitenzählung, in diesem Fall gibt es rechts unten auf der Seite jedoch eine Paginierung /mi/, auf der folgenden Seite die Angabe /mii/.

In dem Buch gibt es noch einen einfachen Holzschnitt, der ebenfalls das Himmlische Jerusalem präsentiert, mit einem Engel vor einer Pforte. Man findet die schmale Zeichnung an drei verschiedenen, nicht nummerierten Seiten, jeweils als Marginalzeichnung bei den Randleisten. Die Pforte scheint offen zu stehen, links könnte eine gedrechselte Säule angedeutet sein. Über der Pforte, bereits im Stadtinneren, haben wir einen kastenartigen Bau mit drei Toren, dahinter zahlreiche Bauten mit schmalen Türmen, die die vertikale Tendenz der Zeichnung verstärken.

Von diesem Stundenbuch gibt es überraschend viele Fassungen, die sich vor allem in der Kolorierung unterscheiden. Wie stark dies der Fall sein kann, zeigt ein Blatt L2 (21 x 13 Zentimeter), welches um 2020 auf dem Kunstmarkt auftauchte und inzwischen versteigert wurde. Immerhin ist in diesem Fall die Echtheit durch ein Gutachten, welches auch das Papier und die Farben analysierte, garantiert. Entstehungsort und Entstehungszeit sind auch hier Paris um 1510. Die lateinischen Schriftbänder beider Miniaturen weisen eine sehr hohe Kongruenz auf, so dass man von dem gleichen Kalligraf ausgeht. Die Kolorierung der Symbole ist leicht verändert, so findet man statt dem satten Braun ein helleres Beige. Es gibt bei genauerer Betrachtung feine Unterschiede, etwa sind die Blumenblüten einmal rot, einmal blau, die Dächer zunächst einheitlich blau, dann blau-rot im Wechsel. Vermutlich war eine ganze Truppe von Malern mit diesen Illustrationen beschäftigt. Da die Farbe oft den Rand überstreicht kann man sehen, wie schnell es gehen musste.
Wie hoch die Auflage der Stundenbücher in der Fassung von Gillet Hardouyn gewesen war, vermag niemand mit Sicherheit zu sagen. Immerhin ist mit einigen Funden ein Anfang gemacht, vielleicht waren es hundert oder tausend Exemplare, von denen sich eine noch unbekannte kleinere Zahl erhalten hat? Die Beispiele sollen alle aus dem Umkreis von Hardouyn stammen und sind durch folgende Gemeinsamkeiten charakterisiert:
-Die Kunstwerke kommen aus Privatbesitz, sind auf Auktionen kurze Zeit zugänglich, um dann wieder in das Nichts zu verschwinden. Damit stehen sie leider einer weiteren wissenschaftlichen Einordnung kaum zur Verfügung.
-Für alle Beispiele gilt das, was ich das „Ex-nihilo-Phänomen“ bezeichne: Die Blätter tauchen quasi aus dem Nichts auf Auktionen auf, irgendwelche Vorbesitzer sind genauso unbekannt wie schriftliche Belege aus Verzeichnissen, Testamenten, Biographien etc.
-Sie zeigen meist lediglich ein einziges Blatt aus einem Stundenbuch. Im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert tauchen vermehrt solche Einzelblätter auf, die angeblich aus Stundenbüchern herausgerissen wurden. Behauptet wird, mitunter auch in der Fachliteratur, dass es somit möglich wurde, die zahlreiche Miniaturen auf dem Kunstmarkt zu einem höheren Preis zu verkaufen, als es mit einem einzelnen Buch möglich gewesen wäre. Glaubt man dieser Behauptung, so muss man sich fragen, warum im Auktionshandel so gut wie immer nur das Einzelblatt mit der Lauretanischen Litanei auftaucht, nicht jedoch die zahlreichen anderen Miniaturen wie die Heimsuchung Mariens, die Geburt oder Passion Christi, oder etwa Wappenbilder, die ja nicht weniger aufwendig waren.
Falls nun die folgenden Miniaturen wirklich alle aus der Werkstatt von Gillet Hardouyn aus dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts stammen, dann hat Hardouyn mit Abstand dieses Motiv am meisten aufgegriffen und müsste als überragender Immaculata-Meister seiner Zeit gefeiert werden. Oder es ist vielmehr so, dass dieser Meister in späteren Jahrhunderten oft kopiert wurde und aus unerfindlichen Gründen von Fälschern besonders attraktiv war?

Angabe irrtümlich Antoine Hardouyn, korrekt Gillet Hardouyn. Fassung aus dem Museum Kurhaus Kleve, Dauerleihgabe des Freundeskreises Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V. Im Jahr 2015 erworben, Inventarnummer 2016-IV-XLVIIII. Angeblich in Paris entstanden, als Zeitpunkt wird sogar „um 1500“ angegeben, womit dies eine der ersten Fassungen weltweit wäre, sogar noch vor Thielman Kerver.

Privatsammlung, Einzelblatt, Werkstatt des Gillet Hardouyn in Paris, um 1507.

Privatsammlung, Stundenbuch, Gillet Hardouyn, 1509, Größe 23 x 13 Zentimeter.

Privatsammlung, angeblich von Gilles Hardouin für Germain Hardouin angefertigt, um 1510, Größe 20 x 11 Zentimeter.

Privatsammlung, um 1510, angeblich von Gilles Hardouin, Größe 19 x 12 Zentimeter.

Privatsammlung. Hier wird als Maler Germain Hardouin angegeben, entstanden sein soll dieses Fassung um 1528.
Paul Lacombe: Livres d’heures imprimés au XVe et au XVIe siècle conservés dans les bibliothèques publiques de Paris, Paris 1907.
A Párizsi Hórás-Könyv. Kisérótanulmány a Magyar Tudományos Akad. konyvtára ant. 76 jelzetú, a Párizsi Gillet Hardouyn Múhelyében, Budapest 1985.
Csaba Csapodi (Bearb.): Ein Pariser Stundenbuch. Einleitung zur Faksimileausgabe des in der Werkstatt von Gillet Hardouyn zu Paris gedruckten und mit kolorierten Holzschnitten geschmückten Stundenbuches aus dem Jahr 1510 (…), Budapest 1988.



