Weltgerichtsfresko aus St. Nikolaus in Oltingen (um 1490)

Eines der ältesten Wandgemälde eines Himmlischen Jerusalem aus der Schweiz stammt aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Am Rande der Altstadt von Oltingen, das 1241 erstmals urkundlich erwähnt wurde, befindet sich die Stadtkirche, die damals, einer Mode folgend, den Namen St. Nikolaus erhalten hat. Erbaut wurde sie mit Anklängen an die Gotik 1296. Einige Genrationen später waren Gelder für umfangreiche Ausmalungen vorhanden, die um 1490 ausgeführt wurden. Erstaunlicherweise wurden sie schon nach der Reformation 1528 wieder übertüncht; sie waren also zunächst nur kurze Zeit sichtbar. Erst bei einer Renovierung der Kirche von 1956 bis 1958 wurden die Fresken aus dem 15. Jahrhundert neu entdeckt und führten damals zu einer innergemeindlichen Diskussion, was damit zu tun sei. Das Für und Wider einer Freilegung wurde im August 1956 hitzig diskutiert, wozu sich die Gemeindemitglieder aus Wenslingen, Oltingen und Anwil ganz in schweizerischer Tradition auf dem Schulhausplatz in Oltingen einfanden. Das Ergebnis war eindeutig: 142 Mitglieder befürworteten die Freilegung und Restaurierung, bei lediglich 22 Gegenstimmen und Enthaltungen. Dies ist bemerkenswert, denn die Abstimmenden wussten zu diesem Zeitpunkt nicht, was sie unter der Tünche entdecken würden. Vorgefunden hat man eine Marienlegende, dann die zwölf Apostel sowie die Malereien der Westwand.

Dort finden sich das Martyrium des Heiligen Erasmus (einer der vierzehn Nothelfer, hier selbst in Not, linke Seite unten), dann die drei Heiligen Margaretha, Dorothea und Verena (rechte Seite unten). Verbunden wurden die Seiten durch ein umfassendes Weltgericht mit dem richtenden Christus über dem gebogenen Türsturz, der die Form des doppelten Regenbogens aufnimmt. Links dieser Malereien der Westwand, also dem Altar gegenüber, wurden Szenen des Neuen Jerusalem eingefügt.

Eine gemauerte Pforte trennt links eine Schar Geretteter von Ankommenden rechts, die auf Eintritt hoffen. Es sieht gut aus, die überragende Petrusfigur präsentiert den Schlüssel und hat die hölzerne Tür bereits weit geöffnet. Einer der Ankommenden wird sogar von Petrus an der Hand gegriffen und an die Pforte gezogen. Es handelt sich dabei um einen Bauern in lokaler Tracht und mit einer Mistgabel als solcher zu identifizieren. Dies ist eine kleine Sensation, denn ansonsten sind an erster Stelle vor der Pforte hohe geistliche und weltliche Würdenträger zu sehen. In Oltingen sind komplett alle vorderen Personen Bauern, darunter sogar zwei Frauen und ein einfacher Knecht mit Dreschflegel. Erst weiter hinten findet man in der Menge auch einen Geistlichen mit einer Mitra und einen König – Mönche, die sich ansonsten gerne an die Pforte drängen, fehlen hier gänzlich. Das ist eine klare Ansage an die Zeitumstände, die von Bauernunruhen und dem Ruf nach Reformen geprägt war. Um 1490 kam es in der Region der heutigen Nordschweiz und angrenzenden deutschen Gebieten (wie dem Klettgau und der Landgrafschaft Stühlingen) zu lokalen Bauernunruhen und Streitigkeiten mit der Obrigkeit, die den Hintergrund dieser malerischen Szene erklären lassen.
Die Malereien sind überaus fein und kleinteilig gehalten, beispielsweise ist der schlanke Turm ein filigranes Meisterwerk. Auf ihm sitzt nicht, wie man meinen könnte, ein Vogel, sondern ein Laute spielender Engel. Solche und andere Details erinnern an die romantische Märchenwelt eines Moritz von Schwind, eines Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld oder eines Ludwig Richter: Manche Details wurden frei ergänzt, was ganz den denkmalpflegerischen Grundsätzen der 1950er Jahre entsprach. Nicht eine fiktive „korrekte“ Freilegung war damals das Ziel, sondern der Eindruck eines die Sinne ansprechenden Gesamteindrucks. Stilistisch sind diese Malereien kleiner und anders als die des Chores, was damit erklärt wird, dass die Malereien des Chores vom Domstift in Basel, die des Kirchenschiffs von der Ortsgemeinde in Auftrag gegeben wurden – und zwar an unterschiedliche Malerwerkstätten. 

Hans Rudolf Heyer: Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Landschaft, 3: Bezirk Sissach, Basel 1986.
Brigitte Frei-Heitz: Die reformierte Kirche St. Nikolaus in Oltingen, Bern 2014.

 

tags: Weltgericht, Bauernunruhen, Schweiz, Romantik, Laute
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