Ältere Glasfenster sind in Deutschlands Kirchen rar, noch mehr gilt dies für Darstellungen des Himmlischen Jerusalem, und noch einmal mehr gilt dies für evangelische Kirchen, wo das Motiv weniger präsent war als in katholischen Kirchen mit ihren Himmelpforten und Gottesstädten im Rahmen der Lauretanischen Litanei. Dieses Buntglasfenster aus Erlangen gehört mit dem Entstehungsjahr 1928 zu den ältesten Beispielen dieses Motivs im ganzen deutschen Sprachraum. Man findet es in der Martinskirche aus dem 15. Jahrhundert auf dem Altstädter Friedhof. Dort ist sie heute Friedhofskapelle, war aber auch über Jahrhunderte ein Wallfahrtsort. Man findet das Jerusalemsfenster, teilweise verdeckt vom Aufgang zur Empore und Orgel, an der rückwärtigen Südseite, links vom Eingang.

Die figürliche Darstellung konzentriert sich auf den inneren Teil des Buntglasfensters, es dominiert das Blau der Wolken und das Gelb der Architektur, die darin erscheint. Es ist eine Art Gottesburg, bei der sich Mauerteile, Kuppeln und Wohnbauten in mehreren Schichten gestaffelt nach oben verjüngen, wo die Anlage in einer gewaltigen Kuppel mündet. Erstaunlicherweise wurde diesem Zentralbau kein Kreuz aufgesetzt. Im unteren Bereich soll noch auf einen Zugang hingewiesen werden, teilweise von Wolken verdeckt. Trotz intensiver Recherche, auch in Archiven vor Ort, ist es mir leider nicht geglückt, den Künstler dieses Fensters herauszufinden – wahrscheinlich war es ein Meister aus dem mittelfränkischen Raum.

Direkt neben dieser Darstellung wird man informiert, dass dieses Fenster eine Stiftung gewesen war, nämlich der drei Ortschaften Bubenreuth, Atzelsberg und Spardorf. Diese drei Orte befinden sich nördlich von Erlangen; 1928 wurden ihre evangelische Einwohner und Einwohnerinnen der Erlanger evangelisch-lutherischen Gemeinde zugeschlagen. Das war aber nicht der alleinige Grund für das Fenster: In jenem Jahr, 1928, wurde die Martinskirche auch umfassend renoviert.

Über der Darstellung steht noch „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“, ein bekanntes protestantisches Kirchenlied nach einem Text von Johann Matthäus Meyfart und der Melodie von Melchior Franck. Das darunter zu findende Zitat „Wollt Gott, ich wär in dir!“ ist dann der zweite Versanfang dieses geistlichen Liedes.
Bernd Nürnberger: Der Friedhof an der Altstädter Kirche, in: Erlanger Bausteine zur fränkischen Heimatforschung, 39, 1991, S. 289-331.
‚Such, wer da will …‘, ein GlaubensKunstBuch. Entdeckungsreise durch das Evangelisch-Lutherische Dekanat Erlangen, Erlangen 2015.
Sylvia Ostertag-Henning, Hartmut Hillmer, Wieland Hofmann: Einblicke in die Kirchen der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Erlangen-Altstadt, Erlangen 2020.
Peter Baumann, Wieland Hofmann: Altstädter Dreifaltigkeitskirche Erlangen, Regensburg 2020.



