Théodore van Merlen (1609-1672): „Gratiae et Virtutes tuae Virgo Maria sunt inenarrabiles“ (1815)

99 Prozent aller Wiedergaben der Lauretanischen Litanei zeigen Maria im Sternenmantel, auf einer Mondsichel, meist umgeben von einigen ihrer Symbole oder von Engelchen. Wahlweise erscheint darüber Gott in den Wolken, Heilige oder Stifterpersonen unten an den Seiten. Es gibt aber auch die einprozentigen Werke, auf denen Maria Immaculata in einen ganz anderen Kontext gesetzt wird, so dass die Konzeption „Lauretanische Litanei“ mitunter kaum oder gar nicht zu erkennen ist.
Eine solche Arbeit legte der Kupferstecher, Radierer und Verleger Théodore van Merlen (1609-1672) aus Antwerpen noch zu Lebzeiten vor. Gedruckt wurde sie allerdings erst 1815 (hier Fassung der Bibliotheek van het Ruusbroecgenootschap in Amberes, Inventarnummer: Maria IIA.14b72). Das ist erstaunlich, denn damals war das klassische Marienbildnis in einer tiefen Krise – Themen waren die Aufklärung, der naturwissenschaftliche Fortschritt, die Neuordnung Europas, und nicht unbedingt die Marienfrömmigkeit.
Die Radierung auf Pergament (Größe 9 x 12 Zentimeter) ist unten lateinisch unterschrieben „Gratiae et Virtutes tuae Virgo Maria sunt inenarrabiles“, also „Deine Gnaden und Tugenden, Jungfrau Maria, sind unbeschreiblich“. Für diese Unbeschreiblichkeit ist die Darstellung erstaunlich nüchtern, von barockem Prunk oder Überschwänglichkeit ist keine Spur. In einem einfachen Gewand, welches nach unten sogar ausfranst, steht eine junge Frau ohne Krone und ohne Sternenmantel. Auch auf die beliebten Putti wurde verzichtet, sondern die Symbole sind möglichst natürlich in eine Landschaft eingepasst. Rechts oben, im Himmel, ist die Himmelspforte mit einem einfachen Segmentgiebel, wie man es im 16. Jahrhundert auch von Luis Lagarto, Francisco de Zurbaran oder den Fassungen von Virgen del Buen Aire kennt. Möglicherweise ist in der Radierung auch die Civitas Dei versteckt: Unterhalb der Pforte breitet sich eine Gartenlandschaft aus. Hinter einem Springbrunnen steht ein kirchenähnlicher Bau, den es als Mariensymbol jedoch nicht gibt – möglicherweise ist dies also die Civitas Dei; überlappende Wolken und fehlende Schriftbänder erschweren hier eine eindeutige Zuweisung.

Carme López Calderón: La Virgen y los (mal) llamados símbolos de la letanía lauretana, in: Atrio. Revista de Historia del Arte, 29, 2023, S. 48-71.
Rémi Mathis: Un passage de Théodore van Merlen à Paris. Un marché pour un portrait de Louis XIV destiné à un livre religieux du P. Adam (1655), in: Nouvelles de l’estampe, 270, 2023, S. 20-23.

 

tags: Radierung, Niederlande, Lauretanische Litanei
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