Historistische Wandmalerei aus der Kathedrale Saint Lazare von Autun in Burgund (um 1868)
Das Motiv der Lauretanischen Litanei hatte verschiedene Konjunkturen und bevorzugte unterschiedliche Träger. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war es eine Mode, Seitenkapellen römisch-katholischer Kirchen mit ausgewählten Symbolen Mariens als Wandmalerei auszuschmücken. Fast immer handelt es sich dabei um goldgelbe Medaillons in einer Art Grisaille-Malerei. Schöne Beispiele haben sich in Saint Aré in Decize, Saint André in Bordeaux oder in Saint Etienne in Châlons-en-Champagne erhalten. Hinzu kommt eine Wandgestaltung aus der nördlichen Seitenkapelle der Kathedrale von Autun in Burgund. Im Chorbereich dieser Kapelle findet man links und mittig jeweils ein Lanzettfenster. An der rechten Seite war es jedoch nicht möglich, ein Fenster einzubauen, da dort bereits die Mauer des Chorbogens um den Hauptaltar ansetzte. Daher wurde eine Wandmalerei gewählt, die sich in der Form an die beiden 1868 eingesetzten Fenster anlehnte. Vermutlich war dieser Fenstereinbau auch der Anlass für die Malereien, die damit auf um 1868 zu datieren wären. Die Arbeiten selbst sind weder datiert noch signiert, die ausführende Werkstatt ist genauso wenig bekannt wie die dran beteiligten Künstler.

Beim Betreten der Kapelle sind die Wandmalereien zunächst noch nicht vollumfänglich zu erkennen; die feinen Malereien mit ihren schmuckvollen Beschriftungen sind ohnehin für Nahsicht gearbeitet.

Auf der Wandfläche finden sich neun Medaillons, jeweils im Wechsel 1:2. Ganz unten deutet eine Dornenkrone Wurzeln an, aus der Blumen entsprießen, anscheinend Lilien, die bis nach ganz oben wuchern. In diesem Lilien-Wald erscheinen die Medaillons wie Blüten oder Früchte von Blumen – eine eigenwillige, höchst selten zu findende Konzeption, vor allem im Kontext der Lauretanischen Litanei. In jedes Medaillon wurde ein Mariensymbol eingesetzt. Das erste Medaillon zeigt die Porta Celi – lateinisch so seitlich beschriftet (s.o.). In der Mitte sehen wir zwei identische Rundtürme, zwischen denen die offene Toranlage steht, mit einem lateinischen Kreuz bekrönt. Die Wand oder der Unterputz ist an dieser Stelle gerissen, so dass es aussieht, als wäre der Blitz in die Himmelspforte eingeschlagen. Art und Weise der Darstellung ist gewöhnlich und auch anderswo zu finden, anders als beim dritten Medaillon. Dargestellt ist dort die Civitas Altissimi.

Das ist nicht etwa eine hochgelegene Stadt, wie vielleicht El Alto in Brasilien, sondern es ist die Stadt des Allerhöchsten, also die Stadt Gottes, kurz die Gottesstadt. Zu sehen sind vor allem Türme mit Helmdächern und Zinnenbekrönung, hinter einer polygonalen Stadtmauer, in die mindestens sechs Pforten unterschiedlicher Größe eingelassen sind.
Franz-Bernhard Serexhe: Studien zur Architektur und Baugeschichte der Kathedrale Saint-Lazare in Autun, Freiburg 2005.
Denis Grivot, Denis Michels, Charles Michels, Jean-Pierre Janin, Michel Gauthier: Les vitraux de la cathédrale d’Autun, o.O. 2006.
Benoît Rivière, Sylvie Balcon-Berry, Jacques Madignier, Christian Sapin, André Strasberg (Hrsg.): Autun, la grâce d’une cathédrale, Paris 2020.
André Strasberg, Michaël Vottero: Cathédrale Saint-Lazare, Autun 2024.



