Helmut Senf (1933-2025), zugewiesen Christel Prange (1937-2024): Wandbehang aus Roßwein (um 1962)

Der Metallgestalter, Textilkünstler und Maler Helmut Senf (1933-2025) zählt zu den wichtigen Vertretern der konkreten Kunst der DDR und später auch Gesamtdeutschlands. Wer sich über sein Schaffen informieren möchte, findet eine weiterführende Literatur und einen umfangreichen Wikipedia-Eintrag, vor allem zu seinen Metallgestaltungen der 1960er und 1970er Jahre. Werke aus seiner Frühphase sind mitunter weniger bekannt, und das gilt insbesondere für diesen Wandbehang, der öffentlich nicht mehr ausgestellt ist. Dank Hilfe von Verwandter des Künstlers konnte etwas Licht in die Geschichte des Kunstwerks gebracht werden. Dieses stammt aus den Anfangsjahren der 1960er Jahre, als Senf in Erfurt erst für die Kirchlichen Werkstätten für Restaurierung tätig war, später in der Stadt freischaffend wirkte. Wie bei vielen Künstlern spielt die Sakralkunst in den frühen Jahren eine zentrale Rolle: Hier waren Aufträge leichter zu bekommen als auf dem freien Markt, und auch in der DDR nahm Sakralkunst in der Ausbildung, in der Senf sich als Gastschüler in Giebichenstein damals noch befand, eine überraschend starke Stellung ein. Zudem war Erfurt das Zentrum der kirchlichen Paramentik und Textilkunst; hier wirkten die Schwestern des Erfurter Ursulinenklosters und Künstlerinnen wie Margaretha (Grete) Reichardt, Ulrike Drasdo und Christl Prange.
Dem junge Künstler wurden damals mehrere Aufträge für die evangelische Friedhofskapelle von Roßwein in Mittelsachsen anvertraut. Der Kontakt reichte in die Zeit zurück, als Senf hier seine Kindheit und Jugend verbracht hatte. Schon wenn man sich aus der Altstadt der Kapelle nähert, wird man von einer Christus-Wandgestaltung begrüßt, die Senf gestaltet hat.

Im inneren ist noch das Altarkreuz von ihm, des weiteren ein Wandbehang mit den zwölf Toren des Himmlischen Jerusalem. Dieser war passgenau für die Altarnische angefertigt worden und hing dort bis zur ersten Renovierung der Kirche um 1992. Er fand dann seinen neuen Platz im Vorraum, wo er von den Trauernden beim Verlassen des Gebäudes gesehen werden konnte. Als um die Jahrtausendwende schwere Feuchtigkeitsschäden auftraten, musste das Bauwerk einschließlich des Fußbodens renoviert werden. Dabei erlitt auch das Textilwerk Schäden, das um diese Zeit abgehängt wurde. Deutlich kann man vor allem auf den grauem Leinen die dunklen Verfärbungen (Wasserschäden) erkennen; gut erhalten hat sich hingegen der matte Pastell-Farbton der Tore, im Uhrzeigersinn Goldgelb, Türkis, Russischgrün, Wiesengrün, Bordeauxrot, Mintgrün, Hellbraun, Marineblau, Rosa, Dunkelbraun, Okker und Beige.

Es sind jeweils unterschiedlich große, einfach gehaltene Rundbögen. Das Raffinierte erkennt man nur aus der Nähe: Jedes einzelne Tor ist in einer unterschiedlichen Struktur gewebt worden, man findet Wellenlinien, Schraffuren, Rauten etc. Kleinere rechteckige Blöcke sind zwischen und zum Teil auch vor die Tore gesetzt, in ähnlichen Farbtönen wie diese. Diese Blöcke deuten weitere Bauten oder die Mauern der Stadt an, auch beleben und füllen Sie den Behang, der ansonsten breite, nicht farblich oder motivisch gestaltete Ränder aufweist.
Die künstlerische Ausgestaltung der Stadt mittels ineinander verschobener Tore ist auch auf anderen Werken zu finden, ich denke an die Fenster von Gottfried Zawadzki, etwa in Senftenberg, Rudolf Yelins Beitrag in Ostelsheim, ein Wandteppich von Edith Steffen Georg Hieronymi oder ein Parament von Helmut Münch. Mitunter ist die Mitte durch das Lamm, den Thron oder den Zionshügel hervorgehoben, hier ist sie frei geblieben. Senf hat damals den Entwurf beigesteuert, die Ausführung oblag, wie damals fast immer, Frauen. Es soll eine Textilkünstlerin aus Erfurt daran beteiligt gewesen sein. Die technische Webführung und Farbwahl deuten am ehesten auf Christel Prange (1937-2024) hin, die Senf bereits von der Burg Giebichenstein her kannte.

Kunsthandwerk aus Thüringen, Grete Reichardt, Helmut Senf, Herbert Kny, Volkhard Precht, Albin Schaedel, Eisenach 1965.
Walter Funkat: Kunsthandwerk in der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1970.
Anke Zeisler und Kunst Projekte e.V. (Hrsg.): Helmut Senf, das Werk 1955-2003. Ausstellungen Galerie des Landkreises Rügen in Putbus, 02.08.-08.09.2003, Galerie Zeisler, Berlin, 17.03.-19.05.2004, Waldsieversdorf 2003.
Senf, Helmut, in: Kürschners Handbuch der bildenden Künstler: Deutschland, Österreich, Schweiz, München 2005, S. 753-754.

 

tags: Wandbehang, DDR, Wandteppich
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