Renate Strasser (1924-2012): Schmuckmosaik aus der Martin-Luther-Kirche in Bentheim (um 1970)

Die Bielefelder Künstlerin Renate Strasser (1924-2012) ist vor allem als Glasgestalterin hervorgetreten, dort kennt man auch zwei Werke mit dem Neuen Jerusalem, nämlich einmal in der Kirche Zum Heiligen Kreuz in Berlin (1973) und in der Hamburger Zionskirche (1987). Vor diesen Werken, Anfang der 1970er Jahre, hat die Künstlerin das Motiv bereits einmal für ein Schmuckkreuz ausgewählt. Diese Arbeit, die man in der evangelischen Kirche von Bad Bentheim (westliches Niedersachsen) findet, war gewissermaßen eine Vorstufe oder Übung der späteren großformatigen Ausführungen als Glasmalerei. In der Qualität steht das Schmuckkreuz jedoch in keiner Weise hinter anderen Werken dieser Künstlerin, die Anfang der 1970er Jahre auf ein reichhaltiges Schaffen und Erfahrung zurückblicken konnte. In seiner Farbe und den Motiven soll es sich auf Ausstattungsmerkmale dieser Kirche beziehen, die in späteren Jahren geändert wurden. Gemeint ist damit ein später entfernter Bibelvers aus der Johannesoffenbarung Kapitel 21, Vers 3, sowie die vier Evangelistensymbolen als Deckenbemalung.

Gleichzeitig sind Blau und Rot seit dem Mittelalter die zwei Farben des Himmlischen Jerusalem, neben Gold/Gelb für das göttliche Licht. In der Mitte des Kreuzes steht das Lamm. Es ist mit seiner weißen Farbe kein Opferlamm, sondern ein Hinweis auf den auferstandenen Christus als den Herrscher der neuen Welt. Das Lamm ist von kleinen vergoldeten Mosaiksteinen umgeben, die den Eindruck feinen Goldstaubs hervorrufen. Es ist umgeben von zwölf roten Blöcken, in die jeweils ein goldenes Tor eingesetzt ist. Die zwölf Objekte sind so eng aneinander gefügt, dass sich eine Stadtmauer erübrigt, wie auch auf das Edelsteinfundament verzichtet wurde. Die angrenzenden vier Balken haben die gleiche Länge. Jedes ist mit einem Mosaik eines der vier apokalyptischen Wesen ausgestattet, die gemeinhin als die vier Evangelisten gedeutet werden.

Ursprünglich war der Altarraum an seiner Rückseite komplett geschlossen. In den 1980er Jahren konnte der ursprüngliche Durchbruch für das Chorfenster im Altarraum wieder geöffnet werden. Die Frage stand im Raum, was für eine Art von Fenster man hinter das Kreuz setzen sollte. Die Gemeinde entschied sich für die Umsetzung eines Entwurfes des Künstlers Egon Stratmann, ein Experte, der Erfahrung mit der Gestaltung des Neuen Jerusalem aus St. Marien in Meinerzhagen, aus St. Konrad in Duisburg-Fahrn und aus St. Dionysius in Altenbeken-Buke mitbrachte. Hier bezog Stratmann ein bereits vorhandenes Neues Jerusalem in seine Fenstergestaltung mit ein, die das Thema der Auferstehung der Menschen abstrakt symbolisieren soll, was auf dem Kreuz selbst ja nicht aufgenommen ist. Durch die östliche Position leuchtet dieses Fenster an sonnigen Morgentagen und lässt um das dunkelblaue, fast schwarze Kreuz eine Art goldene Aura entstehen, die man mit der Kamera jedoch kaum einfangen kann. Das Schmuckkreuz erhält nicht nur durch seine Postion in dieser Raumgestaltung neue Aufmerksamkeit, sondern wird von der Gemeinde seit vielen Jahren als eine Art Logo auf Kirchenblättern und im Internet verwendet.

Horst Hoffmann, Helmut Koopsingraven: Renate Strasser zum Gedenken, in: Der Heidewanderer. Niedersächsische Heimatschrift der Allgemeinen Zeitung der Lüneburger Heide, 88, 2012, S. 42.
Hartmut Giesecke von Bergh: 100 Jahre Martin-Luther-Kirche Bad Bentheim. Bilder und Dokumente erzählen Geschichte, 1912-2012, Bad Bentheim 2013.
Wussten Sie eigentlich…, in: Martinsblatt. Gemeindebrief der Martin-Luther-Gemeinde Bad Bensheim – Gildehaus, April/Mai 2023.

 

tags: Schmuckkreuz, apokalyptische Wesen, Niedersachsen
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