Die russische Stadt Kostroma war im 17. und 18. Jahrhundert führend in der Produktion von Ikonenmalereien. Die Motive waren von großer Unterschiedlichkeit, viel Neues lässt sich erstmals in Kostroma nachweisen. Was das Neue Jerusalem angeht, lässt sich hier ebenfalls Vielfalt feststellen; die Stadt konnte als barockes Jerusalemoval ebenso erscheinen wie als einfacher Torbogen (um 1685) oder in Kreisform (1764) – auch bei der Untergruppe der Weltgerichte gab es keine einheitliche Darstellungsweise. Das gilt ebenfalls für dieses Weltgericht in Tempera aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Selten genug ist hier der Name des Ikonenmalers bekannt: Iwan Plotnikow (Иван Плотников), von dem aber leider keine weiteren Werke oder biographische Details bekannt sind, so dass der Name nicht wirklich von Nutzen ist. Die Weltgerichtsikone befand sich in einer russisch-orthodoxe Kirche bei Sudislawl, bis die stalinistischen Enteignungen das Kunstwerk konfiszierten und in die Hauptstadt brachten. Heute ist die Ikone eine Pretiose des S. P. Ryabushinsky-Hauses für Ikonen in Moskau.

Das Himmlische Jerusalem findet sich wie fast immer in der Ecke oben links. Auf die ansonsten hier anzufinden Arkaden wurde verzichtet, wie auch das Abendmahl, sondern die Heiligen sind stehend um Christus und Maria versammelt, über die sich ein roter Halbbogen spannt, in Anlehnung an ein Oval. Den oberen Abschluss bildet ein Blumenband – dieses gehört eigentlich in die Paradiesszene unten links. Den eigentlichen Abschluss nach unten bilden vier blockartige Bauten mit Satteldächern, die sich zu einer Art Stadtmauer gruppieren. Eindeutig sind es Wohnbauten, nicht griechisch-orthodoxe Kirchen. Der größte von ihnen hat sieben Stockwerke – selbst in Moskau gab es zu dieser Zeit nicht so hohe Wohnbauten. An seiner Vorderseite hat er ein goldfarbenes, geschlossenes Tor, zu dem die Engel mit den geretteten Seelen aus dem unteren Bereich einfliegen.


