Es ist ein Charakteristikum der Ostkirche, dass das Himmlische Jerusalem stark von Paradiesvorstellungen mit geprägt ist, mit zwei Konsequenzen, erstens: Die Himmelspforte wie auch die Paradiespforte ähneln sich, und zweitens wird das Neue Jerusalem mitunter als Paradiesgarten mit Wiesen, Blumen, Büschen und Bäumen dargestellt. Beides zeichnet auch diese Miniatur aus, auf etwas kuriose Weise. Vorne reihen sich fünf Mauersegmente zu einer Stadtmauer zusammen, jedes Segment in einer anderen Farbe. Aus drei Segmenten wachsen nach oben Türme. Diese muten wie Blumenvasen an, da sich direkt über ihnen die Begrünung der Stadt befindet. Es sind Sträuße von Blumen wie Tulpen, Lilien und Nelken, allerdings ohne die Kamille, die Nationalblume Russlands. Dieser Blumenreigen endet etwas abrupt mit der Himmelspforte links, die frontal zum Betrachter steht. Sie ist geschlossen, vor den vergoldeten Kassetten hat sich ein Cherub positioniert. Darunter schiebt sich quer der Fluss des Lebens über das gesamte Blatt. Ganz unten haben sich Menschen aus verschiedenen Ständen eingefunden, Mönche, Könige, Geistliche, einfache Männer und Frauen, denen das Gericht noch bevorsteht.

Das 19 x 13 Zentimeter große Blatt auf Basis von Tusche, Tempera und Zinnober gehört zu einer Handschrift aus der Sammlung aus der Tretjakow-Galerie in Moskau. Sie bringt die „Predigt über die Wiederkunft Christi und das Jüngste Gericht, über die zukünftige Qual und über die Zartheit der Seele“, die dem Mönch Palladius zugeschrieben wird.
Entstanden ist diese Fassung in den 1760er Jahren, mit Ergänzungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Inventarnummer MK-31). Die Handschrift entstand in einer Gemeinde der Altgläubigen, angefertigt vermutlich im Dorf Karacharovo nahe der Stadt Murom. Selbst zu dieser Zeit waren handgeschriebene Bücher trotz der Entwicklung des Buchdrucks in Russland und des Aufkommens von Büchern mit schwarz-weißen Kupferstichen immer noch attraktiv, da ihr Text oft von farbigen Illustrationen begleitet wurde. Das gilt gerade für die Altgläubigen, vgl. dazu die Handschrift F.98 Nr. 379 (1820) oder der „Spiritueller Blumengarten“ (um 1860).


