Hermann Gottfried (1929-2015): Glasmalerei aus der Marienkirche in Niederdorfelden (1984)

1984 wurde in Niederdorfelden (Mittelhessen) eine Marienkirche erbaut, die mit vollem Namen „St. Maria – Hilfe der Christen“ heißt. Der für den Ort überraschend große Bau ist von außen wie innen mit Backstein verblendet. An verschiedenen Stellen des polygonalen Grundrisses sind tiefe Fensternischen gesetzt, in denen von Beginn an die Baukommission Lichtbänder vorgesehen hatte.
Dafür war ursprünglich Hildegard Bienen beauftragt, die den Auftrag jedoch wegen Erkrankung niederlegen musste. Das Bistum Fulda musste kurzfristig Ersatz finden, da der Bau Fortschritte machte und die Manufaktur, die die Verglasung einbauen sollte (Derix in Rottweil/Taunusstein) bereits feststand. Spontan konnte man den Glaskünstler Hermann Gottfried (1929-2015) gewinnen, der vor allem evangelische wie katholische Kirchen im Ruhrgebiet ausgestattet hat. In seinem Schaffen hat er zuvor schon mehrfach das Himmlische Jerusalem dargestellt, so in Duisburg-Laar (1962), Lohmar-Wahlscheid (1963), Herkenrath (1977) und Gronau (1980). Über diese Werke sind wir gut informiert, da der Künstler einen Teilnachlass dem Deutschen Glasmalerei-Museum in Linnich vermachte.

In Niederdorfelden entstand sein letzter großer Auftrag, bei dem das Neuen Jerusalem eine (kleine) Rolle spielen sollte. Die Form der Glasbänder stellte den Künstler vor eine große Herausforderung, denn anders als auf einer Glaswand musste Kleinteilig gearbeitet werden, dennoch sollte aus den einzelnen Bändern ein Ganzes entstehen. Gottfried hatte inzwischen an seiner Formensprache weitergearbeitet, seine Zeichnungen sind weicher, harmonischer, die Farben wärmer und freundlicher, womit sie hervorragend zu dem ebenfalls warmen Stein der Wandverkleidung passen.

Eine der Nischen an der Nordseite zeigt links Heiligungen Christi, rechts Maria als Fürbitterin. In dem Band dazwischen ist unten die untergehende Welt dargestellt: eine Stadt, die im Feuer verbrennt.

Oben zeigt sich die neue Schöpfung in Form des Lammes im Neuen Jerusalem – bewusst wird unten „menschliche Architektur“ gezeigt, oben „göttliche, neue Formensprache“, die wir bewusst heute noch nicht verstehen können“, so meinte jedenfalls Gottfried. Unten ist die Stifterin dieses einen Fensterbands, Elsa Scholz, genannt, oben ist ein Engel zu sehen, unter dem ein Band verläuft: Es ist der in der Offenbarung genannte Engel mit dem Maßband, der die Stadt vermisst.

Iris Nestler (Hrsg.): Hermann Gottfried, Andere Welten. Katalog Deutsches Glasmalerei-Museum Linnich, Bönen 2004.

 

tags: Glasband, Maßstab, Stiftung, Hessen
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