Ausmalung der Friedhofskapelle St. Nikolaus in Dorchheim (um 1420)

Die um 1200 errichtete Friedhofskapelle St. Nikolaus in Dorchheim (Gemeinde Elbtal, Hessen) von hat über die Jahrhunderte hinweg mehrfache Umgestaltungen erlebt: So gab es einst einen Ostturm, dessen Reste man noch auf dem Dachboden erkennen kann. An der Nordseite befand sich ein Seitenschiff; angedeutete Rundbögen im heutigen Außenputz nehmen darauf Bezug. Der Haupteingang befand sich früher an der Westseite. Die romanische Balkendecke ist noch in Fragmenten erhalten und liegt zweieinhalb Meter über der in gotischer Zeit eingezogenen Balkendecke, die heute zu sehen ist.

Beeindruckend sind die Malereien an den Wandseiten und auf dem Tonnengewölbe im Chorraum. Bei diesen handelt es nicht um ein Fresko, sondern um dünne Schichten von Topfen-Kasein, die auf eine grundierte, trockene Kalkfläche aufgemalt wurden. Diese Art der Auftragung hat in Verbindung mit aggressiver Tünche die Folge, dass Konturen verwischen oder ganz verloren gehen, wovon etwa die Gesichtszüge, Einzelheiten der Bekleidung (v.a. bei Christus auf dem Regenbogen) oder bei den Stufen vor der Himmelspforte betroffen sind – ursprünglich waren die Malereien jedoch komplett abgeschlossen und dienten Generationen als adäquater Kirchenschmuck. Erst nachdem das Hadamarer Land zum Protestantismus übergetreten war, wurden die bunten Malereien einheitlich weiß übertüncht und vergessen. Ende der 1950er Jahre wurden sie wiederentdeckt und anschließen von Josef Weimar über eineinhalb Jahre freigelegt und von 2011 bis 2014 von Sven Trommer nochmals restauriert.

Die zentrale Ostwand, die die Gemeinde bei Veranstaltungen stets vor sich hatte, besteht aus drei Etagen: Szenen der Passion (unten), Himmel und Hölle (mittlere Etage) und Christus Pantokrator (oben). Im unteren Bereich kann man Bildfelder ausmachen, die klar voneinander getrennt sind: Eine typische Darstellungsweise der Zeit um 1420, die man vor allem im süddeutschen Sprachraum findet (Grabenstetten, Waiblingen, Wald am Schoberpaß). Ebenfalls zeittypisch ist das einfache, geradezu bescheidene Himmlische Jerusalem mit einer verhältnismäßig großen Pforte. An den Seiten hat sich ursprünglich noch angrenzende Architektur befunden, erhalten haben sich oben lediglich drei Fenster mit angedeuteten grünen Butzenscheiben und unten Fragmente einer Treppe. Die Figurengruppe rechts der Pforte besticht durch ihre schlanken, schmalen Proportionen, es sind gotische Ausmalungen von überdurchschnittlicher Qualität. An der Tiara kann man den Papst erkennen, der hier als Petrus mit dem Schlüssel als Torwächter eine Doppelfunktion hat: Einerseits ist er Teil der Gruppe, andererseits bestimmt er, wer der Personen eingelassen wird. Es sind Ständevertreter, anhand der Bekleidung (modische Schnabelschuhe) und selbstbewussten Haltung vermutlich) alles als Adelige oder Geistliche auszumachen. Letztlich möchte ich noch auf ein weiteres Qualitätsmerkmal hinweisen, dass man anderswo so kaum findet: Zum einen ist dies das orangefarbene Schachbrettmuter unter den Ständevertretern, dass links in zwei Wellen übergeht, die Hügel repräsentieren (Paradieslandschaft). Zum anderen findet sich an verschiedenen Stellen unterschiedliche Stempelmalereien – dass Neueste, was die Kunst damals zu bieten hatte.

Peter Paul Schweitzer: Die St. Nikolaus-Kapelle in Dorchheim. Eine Pilgerkirche mit Herberge und Biblia Pauperum, in: Jahrbuch für den Kreis Limburg-Weilburg, 2019, S. 241-247.

 

tags: Gotik, Mittelalter, Hessen
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