Joseph Klauber (1710-1768) und Johann Klauber (1712-1787): Klostergründung von Radolfzell (um 1745)
Die Brüder Joseph (1710-1768) und Johann Klauber (1712-1787) zählten nicht nur in Augsburg im 18. Jahrhundert zu den führenden Künstlern, sondern sie operierten über die Landesgrenzen Bayerns hinaus – sie waren international anerkannte Künstler, die ein Netzwerk mit Agenturen unterhielten, das vom katholischen Polen bis zum katholischen Spanien ging. Während Zeitgenossen wie David Hollaz, Johann Martin Bernigeroth oder Heinrich Gottlob Billing eher auf Bewährtes setzten und, was das Neue Jerusalem angeht, meist Traditionelles kopierten oder minimal variierten, sprengten die Gebrüder Klauber Erwartungshaltungen und Sehgewohnheiten: Sie schufen wirklich Neues.
Die Idee, die (eigene) Lebenswirklichkeit, sei es eine Stadt, ein Klosterbau oder eine Kirche mit dem Neuen Jerusalem zu verbinden, war hingegen nicht neu, vor allem im Barock lebte dieses Phänomen auf. Das Kloster wurde zum Himmlischen Jerusalem (siehe etwa entsprechende Kupferstiche zum Kloster Muri oder Benediktinerstift Göttweig), das Himmlische Jerusalem zum Kloster. Tatsächlich gibt es barocke Kupferstiche, auf denen die Stadt Jerusalem einer zeitgenössischen Klosteranlage ähnelten, am Radikalsten sicherlich in einer Arbeit von Simon Thaddäus.

Eine ähnliche Konzeption ist dieser Kupferstich, auf dem unten die Stadt Radolfzell am Bodensee von Süden aus zu sehen ist. Westlich der damals noch vorhandenen Stadtmauer befindet sich das Kloster der Kapuzinermönche. Bauliche Merkmale der Stadt und der Umgebung haben geholfen, die Entstehung dieser Arbeit auf etwa 1745 einzuschätzen.
Der seltene Kupferstich, von dem sich ein Original im Stadtmuseum Radolfzell erhalten hat, stammt nicht aus einem umfangreicheren Werk, sondern er war eine Einzelanfertigung, vermutlich im Auftrag des Provinzialvikars. Rechts ist auf dem Bild ein anderer Vorsteher zu sehen, der heilige Abt Ratoldus (Radolt von Verona). Dieser war erst Bischof von Verona (ca. 770-840), der nach seinem Exil im heutigen Radolfzell starb und dort eine erste geistliche Niederlassung gründet hatte, die der Ursprung des Ortes wurde. Er blickt auf das Himmlische Jerusalem, welches von fünf Engeln in der Schwebe gehalten wird. Es hat die Form eines Kastens oder Schuhkartons, an dessen Seiten vorne Szenen aus der Passion und hinten Szenen aus der Kreuzigungsgeschichte zu sehen sind – ein einzigartiger Einfall der Gebrüder Klauber, der weder Vorläufer noch Nachwirkungen hat. Darüber findet sich eine Komposition, die ursprünglich auf das mittelalterliche Weltgericht zurückgeht (Christus in der Mitte, links Maria, rechts Johannes der Täufer), was hier aber eine Modifikation erfahren hat: In der Mitte findet sich zwar noch Christus, aber jetzt als Kind mit Maria, begleitet links vom Heiligen Senesius und rechts den Heiligen Theopont und Zenon. Diese gelten als die drei „Hausherren“ oder Stadtpatrone von Radolfzell, wo damals einige ihrer wichtigsten Reliquien aufbewahrt wurden.


