Man kann, um die Miniaturen der Maria Immaculata etwas zu ordnen, drei Hauptgruppen unterscheiden: Miniaturen mit einem überwiegend goldenem Hintergrund (etwa MS Latin 1175 oder MS Latin 10563), mit einem roten Hintergrund (MS 92.83) oder mit einem blauen Hintergrund. Die Gründe für diese Farbwahl ist nachvollziehbar: Gold steht für göttliches Licht und ist der traditionelle Hintergrund der Gotik, Rot und Blau sind die Farben Mariens. Eine besonders fein ausgearbeitete Miniatur der blauen Gruppe besitzt die Henry E. Huntington Library and Art Gallery in San Marino (USA). Die Bibliothek schätzt, dass dieses „Libro de Horas al uso de Roma“ um 1515 entstanden ist (Signatur MS HM 1124).

Die Miniatur auf fol. 91v mit einer Größe von 20 x 13 Zentimetern zeigt oben links die Porta Coeli, unten rechts die Civitas Dei. Beide Objekte sind mit vielgestaltig ausgeführt, Türmchen, Erker, Zinnen und Profilleisten sorgen für Abwechselung. Zusätzlich wurde immer wieder Gold eingesetzt, was im Dach- und Wandbereich dieser beiden Objekte einen besonderen Glanz erzeugt und der Arbeit auch materiell einen Wert verleiht. Üblicherweise sind die beiden Türme, zwischen welche die eigentliche Himmelspforte gesetzt ist, in der Frühzeit dieses Motivs annähernd symmetrisch angelegt (vgl. hierzu etwa MS Latin 1175 mit ganz ähnlichen blauen Kuppeln), hier jedoch nicht: Bereits die beiden Turmschafte sind verschieden, links findet sich ein spitzes Helmdach, rechts eine gedrungene Kuppel. Die manieristische Freude an der Vielgestaltigkeit wird dann bei der Civitas Dei ausgelebt, wo der unbekannte Miniaturist seine Fantasie und sein Können unter Beweis stellt.
Rahmen, auch aufgemalte Illusionsrahmen, können Hinweise zur Datierung liefern. Dieses Exemplar gehört zwar bereits zur französischen Frührenaissance, ist jedoch noch nicht so opulent mit Tieren, Früchten und Fantasiewesen ausgestaltet wie nachfolgende Arbeiten dreißig Jahre später. Einen ähnlichen Rahmen aus dem frühen 16. Jahrzehnt findet man in einem Stundenbuch von 1509, welches Gillet Hardouyn zugewiesen wurde.
C. W. Dutschke, Richard H. Rouse: Guide to Medieval and Renaissance Manuscripts in the Huntington Library, San Marino 1989).


