In der Vielzahl der Lauretanischen Litaneien sticht diese Arbeit besonders hervor, schon dadurch, dass sie überwiegend in einem kräftigen roten Farbton gehalten ist. Der Aufbau mit der stehenden Marienfigur und den sie umgebenden Symbolen ist ähnlich wie auf den Fassung seit Thielman Kervers. Betrachtet man die zeichnerische Ausgestaltung jedoch genauer, so ergeben sich Fragen, die in ihrer Menge an der Echtheit dieser Lauretanischen Litanei Zweifel aufkommen lassen. Betrachten wir zunächst Gottvater über dem blauen Wolkenband ganz oben. Üblicherweise trägt er eine Tiara, hier jedoch eine Mitra. Seine rechte Hand ist auf anderen Arbeiten dezent zum Segensgruss angewinkelt, hier aber ist der ganze Arm ausgestreckt, was der Geste eine unpassende Dynamik verleiht.

Gehen wir zu den Symbolen, die das Neue Jerusalem, das eigentliche Thema, betreffen. Oben links ist das die Porta Coeli, unten rechts die Civitas Dei. Beide Symbole besitzen blaue Helmdächer, die – vor allem bei der Gottesstadt – extrem spitz nach oben streben. Eine derartig expressive Dachlandschaft ist zumindest für die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts untypisch; im Gegenteil wurden die Dächer damals gerne abgerundet gezeigt (MS Latin 1175, Simon Vostre, Gillet Hardouyn u.a.). Eigenartig ist auch die Überbetonung des Pfortenmotivs: eine Pforte findet sich nicht nur bei der Porta Coeli, wo sie hingehört, sondern hier hat auch die Civitas Dei und sogar der Hortus Conclusus eine Pforte mit zwei Seitentürmen.
Der Porta Coeli ist ein Schriftband beigegeben, auf dem „Porta Dei“ steht. Aus unerklärlichen Gründen wurde dem noch der Buchstabe „S“ angehängt. Eine solche Bezeichnung „Porta Dei“ macht zwar für heutige Leser Sinn, war aber im Kontext der Lauretanischen Litanei absolut ungebräuchlich. Auch andere Schriftbänder sind problematisch; so fehlt bei „Stella“ das „Maris“, und bei „Pota Pulcra“, immerhin dem wichtigen Intro der ganzen Arbeit, wurde der Buchstabe „h“ vergessen – ein schwerer Schnitzer, der eigentlich sofort hätte auffallen müssen.
Hinzu kommt, dass diese Arbeit „ex nihilo“ im 21. Jahrhundert als Einzelblatt (der Größe 11 x 8 Zentimeter) auf dem Kunstmarkt erschienen ist. Angeblich soll sie in Aquitanien bei Jean Thenaud entstanden sein, ein Franziskanermönch und Schriftsteller. Bekannt ist Thenauds Interesse an Magie, der Kabbala und Astrologie – seine Mitarbeit an einem Stundenbuch ist eher unwahrscheinlich, zumindest gibt es keinen Beleg.
Zuletzt sei auf das „Phänomen Einzelblatt“ hingewiesen. Im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert tauchen auf Kunstauktionen vermehrt solche Einzelblätter auf, die angeblich aus Stundenbüchern herausgerissen wurden. Behauptet wird, mitunter auch in der Fachliteratur, dass es somit möglich wurde, die zahlreichen Miniaturen auf dem Kunstmarkt zu einem viel höheren Preis zu verkaufen, als es mit einem einzelnen Buch möglich gewesen wäre. Glaubt man dieser Behauptung, so muss man sich fragen, warum auf Auktionen so gut wie immer nur das Einzelblatt mit der Lauretanischen Litanei auftaucht, nicht jedoch die zahlreichen anderen Miniaturen wie die Heimsuchung Mariens, die Geburt oder Passion Christi, oder meinetwegen Wappenbilder, die ja nicht weniger aufwendig waren.


