Theodor Galle (1571-1633): „Tota Pulchra“ (um 1600)

Theodor Galle (1571-1633) war ein Kupferstecher des Frühbarock, der aus einer niederländischen Künstlerfamilie stammte: Er war der Sohn des Zeichners Philippus Galle und der Bruder von Cornelius Galle d. Ä., dem erfolgreichsten Kupferstecher dieser Familie. Theodor Galle machte erst eine Lehre bei seinem Vater, hielt sich dann in Rom auf und eröffnete nach seiner Rückkehr in Antwerpen einen Kunsthandel . Aus Italien hatte er zahlreiche Stiche mitgebracht, die er jetzt kopierte und vertrieb. Daneben entstanden auch weiterhin eigene Kupferstiche überwiegend mit religiösen Themen zu der Heiligen Maria. Darunter war bislang, was das Neue Jerusalem angeht, vor allem die Arbeit „Description mystique“ in der Fassung von 1607 bekannt. Doch schon kurz zuvor war um 1600 eine Darstellung der Maria Immaculata nach der Lauretanischen Litanei entstanden.

Ein diesbezügliches Einzelblatt hat sich in Köln in der Sammlung des Wallraf-Richartz-Museum erhalten (Inventarnummer RBA D054627). Unten ist die Illustration lateinisch beschrieben als „Tota pulchra est anima mea, et macula non est in te“. Der Zusatz „Cant. 6“ deutet an, dass es sich bei diesem Stich um eine Serie handelt, und dieses Blatt zu dem Gesang Nummer 6 gehört. Galle präsentiert eine stehende Marienfigur, um die etwa ein Dutzend Symbole angeordnet wurden. Eine Besonderheit ist sicher, dass diese Zeichnung in ein Oval gepasst wurde, welches wiederum in einem rechteckigen Rahmen gesetzt ist. Die Art der Präsentation ist ähnlich wie bei Galles Zeitgenossen Hieronymus Wierix, Johannes Stradanus, Michael Snijders, Pierre Firens Penta, Jean Le Clerc, Raphael Sadeler d. J. oder Raphael de Mey und Johann Bussemacher – dazu kommen weitere Arbeiten, die verloren sind. Diese Künstler haben alle um 1600 hochwertige Kupferstiche zu diesem Thema herausgebracht, eine Modeerscheinung der Gegenreformation der spanischen Niederlande. Kaum eine der Arbeiten ist datiert, und es scheint so zu sein, dass Theodor Galle einer der ersten war, der diese kurzzeitige Mode begründete, wer hätte es ihm zugetraut? Die Symbole, die das Neue Jerusalem anzeigen, finden sich hier beide an der rechten Seite. Sie scheinen zusammen zu gehören: Unten befindet sich eine überaus breites Stadttor, ganz gegen der biblischen Erzählung von der „engen Pforte“. Ein wehendes Fähnchen ist das einzige belebende Element in dem ansonsten starren Bildaufbau. Durch die Pforte führt ein Weg weiter zu einer zweiten Pforte an der Stadtmauer der Civitas Dei, die sich mit spitzen Türmen auf einer Anhöhe entlang zieht. Galles Kupferstich kam gut an. So beeinflusste er die nachfolgenden Arbeiten, etwa das breite Stadttor der Gemeinschaftsarbeit Hieronymus Wierix/Marten de Vos, oder die Gesamtkonzeption der Gemeinschaftsarbeit von Hieronymus Wierix/Johannes Stradanus, an der auch sein Vater Philippus Galle mitgewirkt hat, der offensichtlich die Arbeit seines Sohnes nicht nur kannte, sondern zur Vorlage nahm. 

Anne-Katrin Sors: Religiöse Druckgraphik in Antwerpen um 1600 – Jan Davids Andachtsbücher und Theodoor Galles Illustrationen, Berlin 2008.
Alessandro Zuccari: Le immagini per il ‚De bono Senectutis‘ di Gabriele Paleotti e un’ipotesi su Philips e Theodoor (sic!) Galle, in: Silvia Maria Grazia Bernardini (Hrsg.): Studi di storia dell’arte in onore di Denis Mahon, Mailand 2008, S. 57-68.
Anne-Katrin Sors: Allegorische Andachtsbücher in Antwerpen. Jan Davids Texte und Theodoor Galles Illustrationen in den jesuitischen Buchprojekten der Plantiniana, Göttingen 2015.

 

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