Ein späteres Ölgemälde von Jan Provoost (1465-1529) der Gesamtgröße 169 x 145 Zentimeter befindet sich noch heute am einstigen Wirkungsort des Malers in Brügge, im dortigen Groeninge-Museum (Inventarnummer 0000.GRO0117.I). Vieles in der Altstadt blieb seit dem Mittelalter unverändert, so dass man einen authentischen Eindruck bekommt, in welcher Umgebung Provoost lebte und arbeitete. Die Zuschreibung variiert; manche betrachten die Malerei auch als eine Arbeit von Jacob van den Coornhuuze aus den 1570er Jahren (Kopie des Gemäldes im Museum vorhanden, Inventarnummer 0000.GRO0154.I); andere sprechen von einem anonymen Meister.

Hier sind auf einmal gotische Stilelemente wieder präsent, was nicht unbedingt ein „Rückschritt“ sein muss, sondern der Wunsch des Auftraggebers gewesen sein kann. Thema ist im Vordergrund die Einkleidung eines Geretteten. Im Hintergrund schreiten andere Personen, die bereits neu eingekleidet wurden, durch die Pforte des Neuen Jerusalem. Sie sind als Mönche und als Märtyrer zu erkennen. Ganze Massen weißer Gestalten ziehen nach links, sogar auf gerade erfundene Galeonen werden weitere Gerettete herangebracht – das Motiv der Schiffsallegorie war gerade zu dieser Zeit populär und fand seinen Eingang auch in viele frühe Darstellungen der Lauretanischen Litanei.

Hier legen jedoch nicht nur ein oder zwei Schiffe an, sondern eine ganze Rettungsflotte. In die Hölle, könnte man meinen, kommen hier nur wenige extreme Sünder (deren Vergehen rechts unten plastisch wie drastisch dargestellt werden).

Besonders prächtig ist die Jerusalemsarchitektur links ausgefallen. Das gesamte Bauwerk könnte aus dunklem Gold bestehen, aufgesetzt sind schwarze, rote und grüne Edelsteine, dazwischen Perlen. Einladend steht über der Stadt, die eigentlich keiner Werbung bedarf, „Apropincate vos electi“, also etwa „Kommt näher, ihr Auserwählten“. Dieser Spruch scheint eine Erfindung von Provoost zu sein, man findet ihn auf keiner anderen mittelalterlichen Malerei.
Zwar finden sich, wie angedeutet, bei der Architektur mit der goldenen Füllung und den Spitzbögen gotische Anklänge, aber wie ein Ausrufezeichen hat Provoost direkt davor einen Marmorblock in klaren Formen der Renaissance eingefügt. Er dient dem Engel als Ablage der Gewänder. Wie auf dem gleichzeitig entstandenen Hamburger Gemälde setzt sich übrigens die Architektur nach rechts hin fort, wo sich eine Mauer mit weiteren Spitzbögen entlang zieht.
Max J. Friedländer: Joos van Cleve, Jan Provost, Joachim Patenier, Berlin 1931.
Simone Speth-Holterhoff: Trois panneaux de Jean Provost, in: Bulletin des Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique, 14, 1965, S. 15-26.
Molly Faries: The underdrawing of Jan Provoost’s Last Judgment and related paintings, in: Dominique Hollanders-Favart (Hrsg.): Le dessin sous-jacent dans la peinture, 1989, S. 137-144.
Ron Spronk: An early Sixteenth Century Last Judgment by Jan Provoost, in: Hélène Verougstraete (Hrsg.): Le dessin sous-jacent et la technologie dans la peinture. Colloque XI, 1995, Louvain-la-Neuve 1997, S. 43-51.
Maximiliaan P. J. Martens (Hrsg.): Brugge en de Renaissance. Van Memling tot Pourbus, Ludion 1998.
Ron Spronk: Tracing the making of Jan Provoost’s Last Judgment through technical examinations and digital imaging, in: Bulletin of the Detroit Institute of Arts, 72, 1/2, 1998, S. 66-79.
Cornelia Knust: Vorbild der Gerechtigkeit. Jan Provosts Gerichtsbild in Brügge mit einem Katalog seiner Werke, Göttingen 2007.



