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Claudia Breinl (geb. 1959): Kelchvelum, ehemals Stiftskirche Darmstadt (1984)

Der Entwurf und die Ausführung dieser Stickerei mit dem Himmlischen Jerusalem stammen von Claudia Breinl (geb. 1959). Nach einem Studium der Germanistik und Philosophie in Mainz absolvierte Breinl eine Ausbildung im textilen Kunsthandwerk. 1984 wurde dieses Werk ihr Gesellenstück. Es wurde viele Jahre in der evangelischen Stiftskirche in Darmstadt bei Gottesdiensten genutzt. Im Zuge der allgemeinen Um- und Neustrukturierung von Kirchengemeinden kam die Stiftskirche im 21. Jahrhundert in die Trägerschaft der Agaplesion Elisabethenstift gGmbH in Darmstadt, eine Tochtergesellschaft der Agaplesion gAG mit Sitz in Frankfurt am Main. Hier werden seitdem Andachten und Gottesdienste verschiedener Konfessionen gefeiert. Vermutlich bei dieser Umstrukturierung ging das Kunstwerk verloren und konnte bei meinem letzten Besuch 2022 bedauerlicherweise nirgends mehr aufgefunden werden. Als Ersatz dient allein ein ähnliches, älteres Parament, welches sich noch in Kelsterbach erhalten hat.
Die Stickerei war ein Velum, also ein Stück Stoff, auf dem die Abendmahlsgeräte ausgebreitet werden und früher auch eingerollt waren. Dieses Velum war für den Abendmahlskelch vorgesehen, daher wird es auch als Kelchvelum bezeichnet. Es handelt sich um eine Ajourstickerei, bei der mit einem dünnen Garn locker gewebte Stofffäden zusammengezogen werden. Die Ränder müssen nicht versäubert werden, da die Durchbrüche durch das Zusammenziehen der Fäden erreicht werden. Bei dem Stoff handelt es sich um weißes Siebleinen, in das mit verschieden stark gebleichten Leinengarnen Musterstiche eingearbeitet wurden. Das Kreuz in der Mitte, das über der Kelchöffnung zu liegen kommt, blieb von der Bearbeitung ausgespart. Dadurch legen sich, wie bei mittelalterlichen Beatus-Darstellungen, nach außen geklappt, die zwölf Tore. Die Mauern der Stadt führen direkt an den Rand der Stickerei. Ansonsten ist die Binnengestaltung auf diese geometrischen Formen reduziert, auf figürliche Beigaben wie Apostel, das Lamm, Engel oder den Seher Johannes wurde verzichtet. Somit bleibt auch die Mitte dieser Arbeit, die ein lateinisches Kreuz ergibt, frei. Die Klarheit und Schlichtheit der Stickerei wird dadurch gesteigert, dass das Velum in einem monochronen Beige gearbeitet ist und manche Partien, wie etwa die Kreuzinnenfläche, weiß blieben. Je nach Lichteinfall changierte der Farbton von einem hellen Silberton zu einem rötlichen Goldton, vor allem in der Morgen- oder Abenddämmerung.

Gerhard Marcel Martin (Hrsg.): Neues und altes Jerusalem: Marburger Universitätspredigten 2003/2004, Münster 2004.

 

Beitragsbild: Marie-Luise Frey-Jansen

tags: Darmstadt, Hessen
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