Louis Emile Manche (1908-1982): Fenster aus der Kirche Johannes des Täufers zu Mijdrecht-Wilnis (1952)
Die neogotische Johannes de Doperkerk, oder zu Deutsch die Kirche Johannes des Täufers befindet sich auf dem Land in Mijdrecht-Wilnis südlich von Amsterdam (Provinz Utrecht). In dieser römisch-katholischen Kirche wurden auf beiden Seiten des Schiffs, des Querschiffs und der Taufkapelle zwischen 1951 und 1955 insgesamt zwanzig Buntglasfenster eingebaut.

Damit beauftragte man den Künstler Louis Emile Manche (1908-1982). Bekannt und ungewöhnlich war und ist, dass Manche die Fenster dieser Kirche in vier unterschiedlichen Kunststilen gestaltete. Das letzte Fenster, geschaffen 1952 für das Kirchenschiff an der Nordseite, ist unten signiert und datiert. Dort findet man auch einen nachträglich aufgeklebten Hinweis, dass die Familie B. A. M. Laddrak die Kosten dieses Fensters übernommen hat.

Das Fenster zeigt unten den Erzengel Michael neben der „engen Pforte“, wo die Aufforderung zu lesen ist: „Gaat binnen door de enge poort“ („Geht durch das schmale Tor“). Durch die Pforte führt eine Art Rampe, auf der sich Menschen wie auf einem steilen Weg nach oben mühen. Ein kleines Kind wird dort von einem Erwachsenen an die Hand genommen.

Der Weg geht bis zum Himmlischen Jerusalem als kompakte Stadtanlage mit einem zentralen Zugangstor, einer blauen Kuppel und mehreren Türmen. Bei dem Fenster handelt es sich eigentlich um ein Zweiwegebild, was besonders in den Niederlanden eine lange Tradition hat: Links führt der tugendhafte Weg, schmal und mühsam nach oben in das Paradies, rechts die breite Straße des Lasters in Unheil und Verderben: „Want widt is de poort en breed is de weg dieten verderve leidt“ („Denn weit ist das Tor und breit ist der Weg, der ins Verderben führt“).
Die Idee, die Himmelspforte der eigentlichen Stadt vorzusetzen, geht zurück auf Maarten van Heemskerck (1498-1574). Ungewöhnlich ist die Dominanz der knienden Engelsfigur, auf der wie bei einem Atlanten die obere Thematik lastet.

Darunter sind zwei weitere Bildinseln gegenüber gestellt. Links beten fromme Gläubige, möglicherweise eine Familie, das Siegeslamm an, mit blauer Fahne und einem Nimbus, der wie ein Rettungsring aussieht. Rechts tanzen irregeleitete Sünder um das Goldene Kalb. Erklärend steht dazwischen: „Niemand kan twee heren dienen“ („Niemand kann zwei Herren gleichzeitig dienen“).

Zum Künstler:
Louis (Lou) Emile Manche wurde als Sohn des Anstreichers Louis Emile Manche sen. (1886-1973) und seiner Frau Adriana Maria van Nispen (1887-1978) am 4. Dezember 1908 in Amsterdam geboren. Nach seiner Schulausbildung studierte er unter anderem bei dem Bildhauer August Falise (1875-1936) und dem Maler Piet Slager (1871-1938) an der Königlichen Schule für Kunst, Technologie und Handwerk in ’s-Hertogenbosch und anschließend an der Amsterdamer Reichsakademie für Bildende Kunst. Sein Schwerpunkt wurde die Sakralkunst; so illustrierte er eine Reihe von frommen Kinderbüchern und fertigte Buntglasfenster und Wandreliefs für Kirchen und Kapellen an. Er war unter anderem Mitglied des Allgemeinen Katholischen Künstlerbundes und der Stiftung Pro Arte Christiani.
Bereits 1939 charakterisierte ihn der Kunstkritiker Jos de Gruyter als „ein von Charles Eyck beeinflusstes dekorativ-religiöses Talent “. Manche war jetzt Nationalsozialist und Mitglied der Nationaal-Socialistische Beweging und von 1940 bis 1944 Kommandeur der faschistischen Schlägergruppe Weerbaarheidsafdeling in Nijmegen. Seine Brüder Auguste und Gérard traten beide der SS bei. Kunst spielte in diesen Jahren nur eine untergeordnete Rolle; so gestaltete er 1942 für die Ausstellung „Herlevend Volk“ in Utrecht ein Wandgemälde, welches den Aufstieg des Nationalsozialismus darstellte. Manche fertigte auch Plakate für die Propaganda des Ministeriums für Öffentlichkeitsarbeit und Kunst an, darunter „Die Niederlande werden wieder auferstehen“ und „Wer von den beiden ist der wahre Holländer?“ Nach dem Zweiten Weltkrieg war Louis Manche einige Zeit in Kamp Vught interniert. Anschließend lebte er bis 1954 in Nimwegen, danach eröffnete er ein eigenes Atelier im Schloss Nieuwenbroeck in Beesel. 1961 wechselte er nach Bestund und ab 1968 führte er sein Atelier nach Veldhoven in Nordbrabant. In diesen Nachkriegsjahren entstanden seine meisten Arbeiten für öffentliche Bauten und die römisch-katholische Kirche, wie die Glasfenster für die Donatuskirche in Bemmel (1950) oder die Buntglasfenster für eine Kapelle in Best (1966). Seine letzten Werke entstanden in der Mitte der 1970er Jahre; in Veldhoven verstarb der Künstler am 30. Januar 1982. Zeit seines Lebens fehlte der Mut, seine Vergangenheit kritisch zu beleuchten, und diejenigen, die später am Lautesten auftraten, haben sich vorher angepasst verhalten.



