Melchior Küsel (1626-1683): Küsel-Bibel (1679)

Der Kupferstecher und Radierer Melchior Küsel (auch Küsell/Kysel u.ä.) lebte von 1626 bis vermutlich 1683 und zählte Zeit seines Lebens zu den Meistern seines Faches. Kurz vor seinem Lebensende erschien, nach langer Vorbereitung, sein Hauptwerk, die „Icones Biblicae Veteris et Novi Testamenti“. Später ging sie als Küsel-Bibel in die Geschichte ein, und es ist immer eine besondere Ehre, wenn ein Werk nach einem Namen benannt ist. Sie besteht aus 250 Radierungen zum Alten und Neuen Testament. Ganze zehn Kupferstiche sind der Apokalypse gewidmet, und hier ist mit der Nummer 42 der letzte der Serie zu sehen.
Auf dem Kupferstich zum Himmlischen Jerusalem sieht man, wie üblich, links Johannes und einen Engel. Vor den beiden erscheint in einer Tiefebene die Gottesstadt. Im Hintergrund erhebt sich eine alpine Bergwelt; gut die Hälfte des Bildes ist vom Himmel eingenommen. Die Stadt erscheint oblong, die Mauer samt der zwölf Stadttore sind trotz der Entfernung relativ gut zu erkennen. Im Innenbereich erahnt man ein Gewirr von Haupt- und Nebenstraßen, die die Stadt rasterartig unterteilen. Einzelne Gebäude sind, wohl aufgrund der Entfernung, nicht weiter zu erkennen. 
Der Gesamteindruck ist friedlich und abgeschlossen. Durch die Einbettung in die Natur klingen paradiesische Züge an. Die Stadt erscheint nicht den beiden Betrachtern, sondern diese erscheinen fast störend vor der Stadt. 

Susanne Rott: Zur Ikonographie und Ikonologie barocker Thesenblätter des Augsburger Kupferstechers Melchior Küsell (1626 – ca. 1683), in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben, 83, 1990, S. 43-112.

 

Die von Küsel 1679 herausgebrachte Bibel wurde erst durch eine Ausgabe von um 1690 bekannt. Es handelt sich um die „Abbildung der vornemsten biblischen Historien“ des Augsburger Kupferstechers und Verlegers Josef Samuel Edel. Auf Seite 172 findet man den Kupferstich wieder, diesmal unter dem Titel „Johannes sihet das neue Jerusalem“.

 

Zu dieser Arbeit hat sich eine Vorstudie erhalten, im Diözesanmuseum Tridentino (Trento). Hier ist zwar das Format etwas anders, aber die Bildkomposition ähnlich: Johannes und der Engel stehen links, wie in der Merian-Bibel. Die Stadt, die eigentlich von oben erscheinen soll, liegt in einem Tal. Im Gegensatz zu den Personen sind die Einzelheiten hier noch nicht ausformuliert, lediglich skizziert, man erkennt die zwölf Tore, die Stadtviertel und den Zionshügel. Um die Stadt wurde an zwei Seiten eine lange Hecke gesetzt, was ich aus keinem anderen Kupferstich des 17. Jahrhunderts kenne. Der Kupferstich besitzt die Nummer 263 und ist oben tituliert als „APoc. XXI“, unten beschrieben als „daß himmlische Jerusalem“. An ihm soll neben Melchior Küsel auch Johanna Christina Küsel (geb. 1665) mitgewirkt haben, er müsste also noch vor 1683 entstanden sein.

 

Die Küsel-Bibel war gegen Ende des 17. Jahrhunderts ein großer Erfolg und bei Lesern überaus beliebt. Ähnlich wie bei Merian wurden auch bei der Küsel-Bibel einzelne Blätter als Vorbilder für Malereien herangezogen, so etwa in der Eichstätter Schutzengelkirche. 1718 ist das Fresko mit großem Secco-Anteil als Auftrag des Paters Edmund Sick, dem Rektor des Jesuitenkollegs, entstanden. Die Darstellung findet sich auf der Galerie unterhalb des zweiten Jochs als Brüstungsbild an der Westwand des Langhauses und wurde von dem Eichstätter Maler Matthias Zink (1665-1738) geschaffen.

Siegfried Hoffmann: Das Programm für Stuckierung und Freskierung der Schutzengelkirche, in: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt, 100, 1991, S. 195-217.
Christina Grimminger u.a. (Barb.): Freistaat Bayern, Regierungsbezirk Oberbayern: Landkreis Eichstätt, München 2008.

 

Die Bebilderung Küsels konnte sowohl von Katholiken wie von Protestanten herangezogen werden. Um 1730 wurde die Empore der evangelischen Stadtkirche zu Lorch (Kreis Schwäbisch-Gmünd) mit 58 farbintensiven Gemälden ausgestattet. Die Bilder, alle aus der Küsel-Bibel entliehen, wurden von Johann Gottfried Enßlin (1681-1754) gemalt, dem Sohn des Bürgermeisters aus Heidenheim. Ungewöhnlich hervorgehoben ist der Lebensfluss links neben der Stadt, der eigentlich aus der Stadt kommen müsste.

 

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