Altarbild „Maria Immaculata“ aus Cré-sur-Loir (1531)

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden in ganz Frankreich Steintafeln mit den Mariensymbolen hergestellt – es sind die erhalten gebliebenen Zeugnisse der Marienverehrung an der Schwelle zur Reformation. Erhalten haben sie sich weniger in den großen Kathedralen, sondern in kleinen abgelegenen Dorfkirchen, wo das Geld für immer neue Kirchenausstattungen meist fehlte. Ein besonders schönes Beispiel findet man in der Marienkapelle im Priorat von Notre-Dame des Champs in Cré-sur-Loir (Departement Sarthe) in den Pays de la Loire. Es handelt sich um eine kleine Steinkirche an einem Weiler, der zwar nördlich der Loire liegt, aber noch zur Gemeinde Cré-sur-Loir gehört.

Es handelt sich um ein überaus farbenfroh bemaltes Relief. Dieses wurde im Laufe der Jahrhunderte zwar mindestens zwei Mal übermalt, aber man hat immer wieder die gleiche Farbgebung wie zuvor ausgewählt. Auf dem blauen Hintergrund kann man noch heute Stellen der originalen Färbung aus dem 16. Jahrhundert finden. Neueren Datums sind sicherlich die geröteten Backen der Marienfigur. Das Kunstwerk wurde aus einem Stein gehauen, den man extra von Les Rairies über die Loir herbeibrachte. Leider wissen wir nicht, welcher Steinmetz und welcher Maler hier beteiligt war. Wir wissen aber genau, wann es gewesen sein muss. Im unteren Bereich ist der Altaraufsatz auf 1531 datiert.

Eine solche Datierung ist für das 16. Jahrhundert ungewöhnlich, für eine Marienlitanei als Steinrelief ist es die älteste mir bekannte Datierung überhaupt. Die Ausgestaltung der Marienattribute ist hier verspielter und farbiger als bei älteren steinernen Varianten des 16. Jahrhunderts, etwa in Livilliers oder in Montdidier. Üblicherweise hingen solche steinerne Tafeln in Seitenkapellen oder an den seitlichen Wänden. Anders in Cré-sur-Loir: Hier hat die Tafel als Altarbild eine besonders hervorgehobene Funktion bekommen, die das zentrale Kunstwerk der kleinen Kirche nochmals erhöht. Vielleicht war dies ein Wunsch der Stifterpersonen, die man links unten eingearbeitet hat. Es handelt sich um einen Bischof mit Krummstab und roter Schärpe, neben einem kleineren Priester, der ein weißes Tuch um seinen Arm gehängt hat. Zur Zeit der Bildentstehung gehörte der Cré-sur-Loir zum Bistum Angers – wurde von dort dieses Kunstwerk gestiftet? Falls ja, wäre es bemerkenswert, dass Mitglieder des Klerus für ihre eigene Kirche stifteten.

Links oben, neben dem Haupt Mariens, befindet sich eine kleine Himmelspforte, wie man sie auch aus der zeitgenössischen Literatur her kennt, etwa aus dem Werk von Thielman Kerver (1503). Der Maler hat sich die Freiheit erlaubt, den Fenstern der beiden Türme ein blaues Gitter hinzuzufügen.

Rechts unten ist die Civitas Dei angebracht. Die steile, ungeschmückte Stadtmauer ist in literarischen Vorlagen nicht zu finden und eine Besonderheit von Cré-sur-Loir. Markant ist noch der Kirchturm der Gottesstadt, mglw. wurde er nach einer konkreten historischen Vorlage gestaltet.
Auf zwei Besonderheiten soll noch hingewiesen werden: Bei allen Spruchbändern fehlt die (lateinische) Bezeichnung der Mariensymbole. Möglicherweise wurde die Beschriftung vergessen, ist verloren gegangen oder war nie vorgesehen gewesen. Auch bei der Schärpe des Bischofs könnte es sich um ein Spruchband handeln, auf dem allerdings ebenfalls nichts (mehr) zu lesen ist.
Bei dem Kunstwerk kann man noch heute eine Tradition zeigen, die in größeren Kirchen kaum einmal zu finde ist: Die Marienfigur trägt nicht nur eine austauschbare Krone, sondern um ihre betenden Hände wurden zahlreiche Kettchen und Rosenkränze gehängt. Dies sind fromme Votivgaben in der Hoffnung auf Gebetserhöhung. In kleineren Kirchen ist solches noch möglich, in größeren Basiliken oder Kathedralen, wie etwa Bayeux mit einer ganz ähnlichen Steintafel, ist eine Berührung des Kunstwerks heute unmöglich und das Aufhängen von Gegenständen würde nicht geduldet. Es ist schön, dass sich auf dem Lande noch solche Spuren eines lebendigen Glaubens finden lassen.

Patrick-F. Baudron: Notice sur l’église de Cré-sur-Loir, près La Flèche (Sarthe), Le Mans 1847.
Christophe Frénelle u.a.: Le patrimoine des communes de la Sarthe, 1, Paris 2000.

 

tags: Loire, Frankreich, Maria Immaculata, Porta Coeli, Civitas Dei
Share:
error: