Himmelspforte und Gottesstadt aus der Kathedrale von Bayeux (um 1590)
Die Kathedrale Notre Dame von Bayeux in der Normandie besitzt nicht allein mit dem Tympanon aus dem 13. Jahrhundert einen Bezug zum Neuen Jerusalem, sondern im späten 16. Jahrhundert kam ein weiteres Kunstwerk hinzu. Diesmal war es eine Präsentation der Symbole Mariens im Rahmen der „Vierge des litanies“. Das Kunstwerk ist in der ersten nördlichen Kapelle zu finden, mit dem etwas umständlichen Namen „Saint-Pierre, Sainte-Trinité et Notre-Dame de Bonne Nouvelle“ – die kleine Kapelle war der einstige Zugang zum Kaptitelhaus. Sie ist dort über einem unscheinbaren, weißen Steinaltar angebracht.

Die Arbeit entstand noch im 16. Jahrhundert, vermutlich um 1590 als Altaretabel aus Stein, der in späteren Jahren in leuchtenden Farben koloriert wurde. Die darauf zu findenden Objekte sind verspielt mit zahlreichen Details ausgestattet – also eine manieristische Arbeit mit gewissen Übersteigerungen und Extravaganzen. Weder der Auftraggeber noch die ausführenden Werkstätten oder Künstler sind heute bekannt; das komplexe Kunstwerk, welches schon seiner Größe wegen Aufmerksamkeit erregt haben muss, war gewissermaßen „plötzlich da“.
Die Himmelspforte befindet sich dort rechts oben über dem Haupt der Marienfigur. Sie ist vollständig vergoldet und bildet mit dem Mond und dem Stern rechtsseitig eine kleine Gruppe von Symbolen, die mit dem Himmel zu tun haben.

Ihre beiden Torflügel sind geschlossen, man erkennt außen die Kassetten einer vermutlich hölzern gedachten Tür. „Coeli“, also „Himmel“ steht isoliert unter dem Objekt, offensichtlich wurde vergessen, „Porta“ hinzuzufügen. Schon hier zeigt sich ein Problem dieses Kunstwerks, das sich auch bei zahlreichen anderen Mariensymbolen findet: Die Bezeichnungen sind teilweise unvollständig, manchmal fehlen sie ganz, sind gelegentlich falsch geschrieben oder in einem zumindest fragwürdigem Latein. Einige Symbole, wie die Gottesstadt, besitzen ein weißes Schriftband mit der lateinischen Bezeichnung, andere, wie die Himmelspforte, haben lediglich eine schwarze Beschriftung, aber kein Schriftband – es scheint, als wären die Titulaturen ohne Schriftband später hinzugefügt worden. Kundigen Besuchern sind diese Problematiken aufgefallen, so dass die Gemeinde schließlich eine Infotafel neben dem Kunstwerk aufstellte, auf dem die Mariensymbole korrekt beschrieben werden.

Möglicherweise gibt es noch eine zweite Himmelspforte, die diesmal geöffnet ist (die vergoldete Pforte wäre dann die „Porta Clausa“, die geschlossene Pforte). Man findet sie, wie auch auf vielen anderen Werken der Litanei, links des Hauptes Mariens.

Die vermutliche Pforte besitzt eine rote Füllung, an den Seiten ist sie von Türmen flankiert, in der Mitte besitzt sie ein Satteldach – also ganz ähnlich wie etwa in Saint-Firmin, Livilliers, Artajona, MS Latin 10563 und anderswo. „Salomonis“ hat jemand unter dieses Objekt geschrieben – eher irritierend, denn der König Salomon ist hier genau sowenig zu sehen wie sein Tempel.
Weiter unten rechts schließt das Objekt mit der Gottesstadt ab (s.o). Wir sehen eine vielfältige Architektur im Burgenstil, mit kräftigen Farben pointiert hervorgehoben. Die Mauern der Stadt sind hoch, einer der Türme ist vergoldet, andere formieren ein Haupttor in das Innere. Dort finden sich neben Wohnbauten auch zwei Kirchengebäude. Umzogen ist die Stadt unten und an der rechten Seite mit einem doppelten Wolkenband, welches das gesamte Kunstwerk opulent rahmt. In diesen Rahmen wurden sechs Propheten des Alten Testaments eingearbeitet – ein exzeptioneller Einfall, denn ich nur von Bayeux her kenne. Bei der Gottesstadt ist es der Prophet Jesaja, der noch am engsten mit diesem Symbol verbunden ist: seine Tempelvision ( 6. Kapitel des Buches Jesaja) galt als eine Vorwegnahme: wie Jesaja den Tempel schaute, so sah Johannes später auf Patmos die Stadt des Neuen Jerusalem. Die Stadt ist hier mit „Fvndavit Altissimus“ tituliert, wieder eine einzigartige phantasiereiche Bezeichnung, die man so woanders kaum finden wird. Hier macht sie aber doppelt Sinn: Die Stadt Gottes auf dem Berg Zion ist sowohl hoch gebaut wie auch ihr Erbauer das allerhöchste Wesen ist.
Jean Vallery-Radot: La cathédrale de Bayeux, Paris 1928.
Frédéric Épaud: Les charpentes de la cathédrale Notre-Dame de Bayeux, Caen 2007.
François Neveux, Claire Ruelle: La cathédrale Notre-Dame de Bayeux, Bayeux 2007.
Claus Bernet: Maria Immaculata. Das katholische Jerusalem, Norderstedt 2014 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 14).



