Jörg Failmezger: Altarwand St. Michael in Gärtringen (1994)

Der Altarraum der römisch-katholische Kirche St. Michael in Gärtringen (Landkreis Böblingen) wurde 1993/94 völlig neu gestaltet. Der Kirchengemeinderat stellte für einen Wettbewerb einige Stichworte und Gedanken zur Anregung bereit. Diese hat der Bildhauer Jörg Failmezger (geb. 1947) aus Pleidelsheim aufgegriffen. Der Architekt Helmut Kirsch aus Tübingen, der die Gesamtverantwortung hatte, ergänzte dann die Ideen von Failmezger.
Graue, unbehauene und quaderförmige Natursteine formen auf dem Altarbild eine Mauer. Sie ist nach dem Künstler Symbol für das Irdische, das noch kaum geformt ist und wenig farbliche Ausstrahlung hat. Die Mauer wirkt abweisend und kalt. Durch diese Mauer geht nun von unten bis oben ein Riss. Aus diesem Riss entfaltet sich das Himmlische Jerusalem. Die Bögen in der Grundfarbe blau schimmern in verschieden hellen Tönen. Sie sind unterschiedlich groß und weisen leichte Unterschiede der Form auf und entfalten sich in einer Raute mit zwei aufeinander liegenden, gleichschenkligen Dreiecken.
Die unterschiedliche Größe und die Farbtöne der Dächer weisen darauf hin, dass an diesem Ort nicht alles eintönig und langweilig ist. Das Blau war in Spätantike und Mittelalter zum einen eine königliche Farbe, und sie weist, laut Failmezger, hin auf das Königreich Gottes. Zum anderen ist Blau die Farbe des Himmels und der Sehnsucht nach dem Himmel: Die Sehnsucht der Christen nach dem Himmel auf Erden ist hier als eine Kraft dargestellt, die mithilft, dass die steinerne Mauer aufgebrochen werden kann. Das Dreieck ist nun Ausdruck für das Göttliche. Eines der Dreiecke weist nach oben, zum Himmel, ein anderes weist zur Erde. Die Form des Dreiecks steht in Kontrast zum Viereck der steinernen Quader und zur Form der gesamten Mauer. Das Viereck ist hier das Symbol für den Menschen und die irdische Welt.
Die aufbrechende Wand sowie der gesamte Altarbereich werden beleuchtet durch einen weißen Baldachin. Dieser erinnert an ein Dach als Symbol für Schutz, Geborgenheit und Heimat. Der Baldachin weist darauf hin, dass die Gläubigen solche Erfahrungen schon in diesem Leben machen und in der gemeinschaftlichen Feier des Abendmahls einander bezeugen. Aber dieses Dach über dem Altar weist mit seinem Licht auch hinaus auf die Dächer des Neuen Jerusalem, wo endgültig „der Tod nicht mehr sein wird, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal“ (Apok. 21, 4).

Bund freischaffender Bildhauer Baden-Württemberg (Hrsg.): Skulptur in Baden-Württemberg, Karlsruhe 1996.

tags: Mauer, Schwaben, Württemberg
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