Katholische Bibelausgaben der späten Reformationszeit (um 1550, 1573 und 1576)

Bislang war das Neue Jerusalem ein von Protestanten besetzter Gegenstand. Im Zuge der frühen Gegenreformation jedoch holten die Katholiken auf, dafür stehen die folgenden Beispiele. Aus der Zeit um 1550 hat sich dieser Holzschnitt erhalten. Diese Arbeit ist für einen Holzschnitt feingliedrig und akkurat ausgeführt, Details lassen sich gut erkennen.

Der Figur neben dem Engel ist ein Heiligenschein aufgesetzt, es soll sich um den Seher Johannes auf Patmos handeln. Die Richtung des Kanals/Flusses führt von rechts unten nach links oben. Mit Sicherheit gehörte die Illustration zu einer französischsprachigen Bibel oder zu einem französischen Bibeldruckprojekt, zusammen mit zwei Dutzend ähnlicher Illustrationen, die der Maler, Zeichner und Graveur Bernard Salomon (1506-1561) zusammen mit Jean de Tournes (1504-1564) herausgebracht hat. Die Druckplatten waren zwischen 1540 und 1558 in Gebrauch. Das genaue Jahr der Drucklegung in Lyon ist definitiv nicht bekannt; es wird um die Mitte des 16. Jahrhunderts gelegen haben. Diese wie andere Illustrationen der Serie wurden aus Sebald Behams „Typi in apocalypsi“ von 1539 abgekupfert, das sich als Vorlagenbuch auch bei Katholiken großer Beliebtheit erfreute.

 

 

1573 erschien eine neue Vulgataausgabe, die „Biblia, ad vetustissima exemplaria nunc recens castigata“, von der auch kolorierte Ausgaben auf den Markt gebracht wurden. Sie war textlich als Fortsetzung der Löwener Ausgabe, herausgebracht 1547 von der dortigen theologischen Fakultät, gedacht. Das Werk enthält eine Vorrede des Dominikaners Johannes Hentenius (1500-1566), dem Herausgeber dieser Bibelausgabe, die sich eng an Robert Estiennes Vulgataausgabe von 1538/40 hielt. Vertrieben wurde sie von Guillaume Rovillé (1518?-1589), der das Werk in Leiden herausbrachte. Schon im Titel wird damit geworben, dass man die Ausgabe mit „elegantissimis figuris“ ausgestattet habe. Leider ist nicht angegeben, wer diese „höchst eleganten Illustrationen“ angefertigt hat. In der Tat findet sich hier ein neuer, frischer Holzschnitt auch zum Himmlischen Jerusalem. Ob er als elegant bezeichnet werden darf, muss jeder Betrachter für sich entscheiden. Die zwei Hauptpersonen sind hier auf die rechte Seite gerückt. Die vor ihnen tiefer liegende Stadt auf Seite 1213 ist rechteckig, möglicherweise quadratisch und durchgängig von einer zinnenbekrönten Mauer umzogen. Unterbrochen wird die Mauer durch vier Doppeltoranlagen, die sich jeweils gegenüber stehen. In diesen finden sich offenbar vier Engel, allerdings ohne Flügel. Zwischen die Doppeltoranlagen führt einmal eine breite Straße, ein andermal ein Fluss oder Kanal, über den zwei Brücken gehen. Links und rechts zu den Seiten der Straße und des Flusses liegen giebelständige, kleine einstöckige Wohnbauten. Ungewöhnlich sind die vier traufständigen Bauten direkt unter dem Fels, die wie Einfamilienhäuser einer Siedlung der 1950er Jahre wirken.

 

Nach etwa zwanzig Jahren, 1576, wurde dieser Ausgabe in Venedig eine neue Illustration in einem veränderten Format beigegeben (S. 792). Die Figuren Johannes und der Engel sind von der rechten wieder auf die linke Seite zurück gewandert, auch in anderen Details orientiert man sich wieder mehr an die oben vorgestellte Holzschnittserie aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Weiterhin hat die Stadt giebelständige Bauten, die extrem eng aneinander gesetzt sind. Ein nicht unwesentlicher Unterschied betrifft die Johannesfigur: Sein Heiligenschein wurde hier nicht übernommen.

 

tags: Vulgata, Holzschnitt, Kupferstich, Gegenreformation, Sebald Beham, Cinquecento
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