Philippe Thomassin (1562-1622): „Jüngstes Gericht“ (1606)

Philippe Thomassin schuf einen umfangreichen Kupferstich zum Thema „Jüngstes Gericht“. Das Neue Jerusalem, gestaltet als turmähnliche Himmelspforte, ist davon lediglich ein kleiner Ausschnitt auf der linken Seite. Philippe Thomassin (1562-1622) stammt zwar aus Frankreich, arbeitete aber als Grafiker und Kupferstecher für die katholische Kirche in Rom. Dort ist auch 1606 dieser Stich entstanden (80 x 51 cm). Kurz zuvor, 1587, hatte er einen Auftrag vom Orden des Heiligen Johannes von Jerusalem erhalten, was ihn zu dieser Arbeit angeregt haben mag. Diese Arbeit muss in Lateinamerika bekannt gewesen sein, es gibt mehrere Fassungen in Öl, u.a. von Diego Quispe Tito (1611-1681).
Über 150 Jahre später griff ein unbekannter Künstler den Stich von Thomassin auf und ließ seine 67 x 98 cm große Fassung 1772 als Gravur bei Giuseppe Remondini in Bassano drucken, unter der Überschrift: „Judicium Universale – el Juycio Universal“.
Die Form ist im Großen und Ganzen beibehalten worden, nicht aber der Inhalt: Es handelt sich um ein satirisches Bild des Jüngsten Gerichts mit dem Wappen von Karl III. (1716-1788), dem König von Spanien, und als Carlo V. Herrscher von Sizilien, bzw. als Carlo VII. Herrscher von Neapel und Sizilien. Der aufgeklärte Despot drängte in Spanien den Einfluss der katholischen Kirche zurück und vertrieb die Jesuiten, was ihm in Italien, vor allem im Vatikanstaat, Kritik einbrachte. Die Spanier kannten diesen Druck und beschwerten sich deswegen bei dem Diplomaten Jerónimo Grimaldi (1710-1789), weil der Druck ohne königliches Privileg erfolgt war.
Es gibt von diesem Druck auch seltene handkolorierte Fassungen in Wasserfarben, wie hier aus dem spanischen Archivo General de Simancas (Signatur MPD, 21, 070).

Hugo Rodolfo Ramírez Rivera: La Compañía de Jesús y la propaganda satírica iconográfica contra el Rey Don Carlos III de España, 1769-1772, in: Anuario de Historia de la Iglesia en Chile, 5, 1987, S. 33-46.
Horst Pietschmann: Karl III. (1759-1788), in: Walther L. Bernecker, Carlos Collado Seidel, Paul Hoser (Hrsg.): Die spanischen Könige, München 1997, S. 158-180. 

 

tags: Philippe Thomassin, Kupferstich, Weltgericht, Rom, Diego Quispe Tito, Satire, Humor, Seicento
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