Adolf Quensen (1851-1911): Fresken des Kaiserdoms Königslutter (1887-1894)

Zwanzig Kilometer von Braunschweig entfernt wiederholte man im Kaiserdom zu Königslutter die Grundkomposition des Braunschweiger Doms. Die imposanten Deckenmalereien unter dem Chor wurden zwischen 1887 und 1894 von dem Braunschweiger Hofdekorationsmaler Adolf Quensen (1851-1911) in Zusammenarbeit mit dem Architekten August Ottmar Essenwein (1831-1892) angefertigt. Selbstverständlich führten nicht diese beiden älteren Männer die Arbeiten selbst aus, sondern zahlreiche Mitarbeiter und Freiwillige, während Quensen und Essenwein gelegentlich vorbeikamen, um den Fortschritt der Malereien zu überwachen. Die Arbeiten waren keine Anregung von von Prinz Albrecht von Preußen, sondern es gab bereits eine lokale Initiative, der sich der Preußenprinz anschloss. Der in Königlutter zur Anwendung gekommene Stil wurde als „mittelalterlicher Klassizismus“ beschrieben, der sich bewusst an hochmittelalterliche Vorbilder anlehnte, bzw. diese kopierte. Nach jahrelangen Schadstoffbelastungen der nahe gelegenen Braunkohleindustrie der DDR wurden die Malereien bis 2010 sorgfältig restauriert und von Tobias Henkel in verschiedenen Publikationen dokumentiert.

Königslutter (um 1894)

Die Deckenmalerei im Altarvorraum zeigt zwölf Tortürme, besetzt mit einem Heiligen. Von den Toren ist jedes dritte besonders prächtig und auch etwas höher gestaltet. Zwischen den Toren befindet sich ornamentiertes Mauerwerk, welches mit Zinnen abgeschlossen ist. Im Inneren der Stadt wachsen vier palmenartige Bäume. Im eigentlichen Zentrum befindet sich nicht etwa Christus, sondern ein Kreisornament. Das mag daran liegen, dass Christus im unmittelbar angrenzenden Bildfeld, der Apsiskuppel, bei der Majestas Domini zur Darstellung kommt, gemeinsam mit zwölf Lämmern, nach antik-römischem Vorbild. 

Tobias Henkel (Hrsg.): Kaiserdom Königslutter: Geschichte und Restaurierung, Petersberg 2008.
Hannes Böhringer (Hrsg.): Die tätowierte Wand. Über Historismus in Königslutter, München 2009.
Tobias Henkel (Hrsg.): Dem Mittelalter in die Augen geschaut: der Kaiserdom zu Königslutter. Geschichte, Architektur, Bauskulptur, Malereien, Braunschweig 2010.

Zum Künstler:

Adolf Quensen erblickte 1851 in Lamspringe, heute zum Landkreis Hildesheim zugehörig, das Licht des Lebens. Zunächst absolvierte er bei seinem Vater eine Lehre zum Maler, anschließend absolvierte er eine Ausbildung am Braunschweiger Collegium Carolinum und an der Königlichen Kunstgewerbeschule in München. Seine Studien komplettierte er durch Kirchenmalerei in Wien 1872/73. Quensen bekam danach zunächst Aufträge zur Beteiligung an Ausmalungen von Kirchen in Stuttgart und Nürnberg. Sein erster eigenständiges Werk war 1879 die Ausmalung des Doms St. Blasii in Braunschweig 1879, es folgten Aufträge für die Kirchen in in Helmstedt, Riddagshausen, Mariental, Runstedt und Waggum. Um 1880 war er ein gefragter Vertreter des Historismus, er gründete im März 1881 sein eigenes Atelier in München und heiratete Marie Quensen. Gut zehn Jahre darauf, 1892, wurde er zum Herzoglich Braunschweigen Hof- und Dekorationsmaler ernannt. Der Künstler war jedoch nicht allein im Herzogtums Braunschweig tätig (bekannteste Arbeiten: Braunschweiger Dom, Kaiserdom Königslutter, Klosterkirche St. Marienberg in Helmstedt, Burg Dankwarderode, Kirche in Eitzum, Kirche in Lelm, Braunschweiger Rathaus), sonder er gestaltete aus Sakral- und Profaninnenräume in anderen Orten, wie in Schöningen, Bielefeld, Benzingerode, Neuerkerode, Hasselfelde, Görlitz, Bad Harzburg und in Oelber am weißen Wege. Bis hin zu Sultanspalästen in Istanbul reichte sein Œuvre. Am bekanntesten sind sicherlich die Ausmalung der Kirche St. Maria zur Höhe in Soest sowie die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche 1895. 1908 wurde Quensen mit dem preußischen roten Adlerorden vierter Klasse für seine Arbeiten an der Christuskirche im böhmischen Marienbad (Mariánské Lázně in Tschechien) ausgezeichnet. 1910 übergab der Meister aus gesundheitlichen Gründen seine Firma einem seiner Söhne. Quensen starb am 16. April 1911 als Folge seiner Blutarmut in Helwan (Ägypten) und wurde auf dem Braunschweiger Hauptfriedhof bestattet. In sein Steinkreuz wurde die Inschrift „Die Liebe höret nimmer auf“ gemeißelt, ein Zitat aus dem 1. Korintherbrief, Kap. 13, Vers 8.

tags: Adolf Quensen, August Ottmar Essenwein, Braunschweiger Land, Mittelalter, Fresken, Niedersachsen, Histtorismus
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