Bildtafeln mit Marienlitaneien aus dem katholischen Kulturraum (ab 18. Jh.)

Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert wurden vermehrt Bildtafeln vertrieben, auf denen zahlreiche Symbole Mariens aneinander gereiht sind. Sie waren mit dem Text der Lauretanischen Litanei versehen und wurden fast immer in katholischen Wallfahrtszentren an die Pilger verkauft. Um das Rezitieren der Litanei zu erleichtern, ist auf den Tafeln die Reihenfolge der Anrufungen auf kleinen, illustrierten Bildchen dargestellt. Der Zweck der Schau- oder Lehrtafel ist nicht eindeutig zu bestimmen, sicherlich ging es auch um die Propagierung der Marienverehrung. Genau so gut konnte diese Tafel bei Gottesdiensten oder Prozessionen Einsatz gefunden haben. Andere vermuten, dass der oder die Künstler kleine Bildchen vertrieben, nach denen dann größere Werke in Auftrag gegeben werden konnten. Es waren überwiegend Massenprodukte ohne künstlerischen Anspruch, billig gedruckt und gelegentlich von Hand koloriert. Einst waren die gedruckten Marienlitaneien Massenware, heute sind sie eher selten. Traditionell lässt sich unter den vielen Mariensymbolen auch immer die, wahlweise geöffnete oder geschlossene, Himmelspforte finden.

 

1750 entstand diese zweisprachige Fassung (ungarisch/deutsch) in Österreich. Sie gilt als erste horizontale Marienlitanei, daher sind ihre Symbole auf lediglich fünf Reihen verteilt. Ausgeführt wurde der Kupferstich von Martin Engelbrecht (1684-1756) nach einer Idee von C. P. Maj. Erhalten hat sich eine Tafel in der Kupferstichsammlung Ebenhöch der Bibliothek des Diözesanarchivs Győr. Auf dieser findet man in der Mitte der (von oben beginnend) vierten Reihe eine barocke Pforte. Sie ist eindeutig geschlossen; auf den hölzernen Paneelen wurde, kaum sichtbar, das Marienanagramm aufgetragen.

 

Eine frühe Zeichnung hat im Original den englischsprachigen Titel „A table of Christian signs, symbols and images; top centre the Virgin of Loreto“, übersetzt etwa: „Eine Tafel christlicher Symbole und Bilder, im Zentrum die Jungfrau von Loreto“. Die Schau- oder Lehrtafel der Gesamtgröße von 31 x 21 Zentimeter vereint zahlreiche bekannte und weniger bekannte Symbole Mariens, jedes mit einem kleinen Bildchen versehen, samt lateinischer Bezeichnung. Das vierte Bildchen der (von oben ansetzend) sechsten Reihe präsentiert die Himmelspforte, zweifelsohne ein sehr bekanntes Mariensymbol. Im vorliegenden Fall handelt es sich um ein barockes Tor, welches offen zu sein scheint. Entwerfer wie Stecher dieser Arbeit sind namentlich nicht bekannt, vermutet werden Künstler aus dem Vatikan, wo diese Zeichnung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angefertigt wurde. Dieses Exemplar hat sich in der Londoner Wellcome Library erhalten (Signaturnummer 31801i).
Von dieser Fassung gibt es eine ganze Reihe Kopien mit unwesentlichen Änderungen – das Wesentliche, also Bildaufbau, Beschriftungen, Reihenfolge der Symbole, blieb gleich. Vor allem der Verlag Le Pellerin versorgte von Epinal aus den Markt, eine der ersten farbigen Fassungen entstand dort um 1850 (Musée de L’image, Inventarnummer M0537000840). Noch um 1900 brachte dieser Verlag eine kolorierte Fassung dieser Grafik heraus (Nr. 2167).

 

Diese kolorierte Handzeichnung ist bedruckt mit der Aufschrift „Litanie tot O. L. V. van Lauretten“. Sie wurde 1799 durch Franciscus Bontamps gedruckt und ist unten dementsprechend datiert. Auf der Rückseite ist sie von S. J. Robitsch in ´s-Gravenhage, also in Den Haag, approbiert worden. Aufgrund der niederländischen Beschriftungen hat das Blatt wohl in katholischen Kreisen Hollands Verbreitung gefunden. Unter den zahlreichen Symbolen findet man als erstes Bildchen der siebten Reihe eine Repräsentation der Himmelspforte, dementsprechend unterschrieben mit: „Deure des Hemels“ (Tür des Himmels). Der kleine Ausschnitt des insgesamt 40 x 33 Zentimeter großen Blattes gibt einen guten Eindruck von der Qualität des Kunstwerks: Es handelt sich um eine schnell angefertigte Gebrauchsgrafik ohne besonderen künstlerischen Anspruch. Die einzelnen Symbole sollten schnell erkennbar sein und wurden mit einem groben Borstenpinsel in unterschiedlichen matten Farben grün, gelb oder braun aufgetragen. Das erhaltene Exemplar wurde 1985 vom Reichsmuseum Amsterdam angekauft und findet sich dort unter der Signatur RP-P-1985-93.

 

Um 1820 setzte der kommerzielle Vertrieb in Italien ein, zunächst durch eine Fassung als Kupferstich von Pietro F. Bassano aus Venetien. Die Symbole sind lateinisch bezeichnet, damit konnte man sie weltweit im katholischen Milieu anbieten. Die erste Auflage betrug 2.000 Exemplare der Größe 44 x 34 Zentimeter, die vom Bistum Florenz bestellt worden waren. Die Marienfigur oben ist nicht mehr in einen Kasten eingefügt, auch wurden ihr jetzt zwei Heilige beigegeben. Die Janua Coeli ähnelt den vorangegangenen Fassungen, die der Drucker genau gekannt haben muss; auch die schnell aufgetragene Kolorierung in fünf kräftigen Farbtönen war eine Mode der Zeit.

 

Etwa fünf Jahre später kam es zu einer überarbeiteten Fassung aus der gleichen Druckerei. Da die Druckplatte unbrauchbar geworden war, musste eine neue angefertigt werden. Bei den Symbolen und den Bezeichnungen wurden nur minimale Änderungen, die z. T. nur Fachleute erkennen können, vorgenommen, unter folgenden Ausnahmen: Erneut wurde die Marienfigur überarbeitet, die beiden Heiligen weggelassen, die Tiara wieder mit hineingenommen, auch die Zahl der Farben nochmals auf vier verringert. Wie zu erwarten blieb die Himmelspforte unverändert, die beiden korinthischen Säulen zur linken und rechten Seite sind Dank der Kolorierung deutlicher zu sehen.

 

Eine dieser Bildtafeln ist bedruckt mit der zweisprachigen Aufschrift „Litanie tot Onze Lieve Vrouwe van Lauretten. Litanies de la Sainte Vierge Marie“. Aufgrund der niederländischen und französischen Beschriftungen hat das Blatt wohl in katholischen Kreisen Hollands und Nordostfrankreichs Verbreitung gefunden. Es kann nicht auf ein Jahr datiert werden, ist aber mit Sicherheit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Gedruckt wurde es in Belgien. Unter den zahlreichen Symbolen findet man als erstes Bildchen der siebten Reihe eine Repräsentation der Himmelspforte, dementsprechend unterschrieben mit: „Deure des Hemels“ bzw. „Porte du Ciel“ („Tür des Himmels“).

 

1838 erschien die „Bildliche Darstellung der lauretanischen Litaney“ in Prag, bei Joseph Rudl. Dieser war Verleger vor allem „vaterländischer Werke“, der von Prag aus die ganze Habsburgermonarchie mit deutschsprachigen Druckwerken belieferte. Die Resonanz war groß, noch um 1900 brachte der Verleger Benziger dieses Blatt in einer Kopie in Einsiedeln neu heraus. An den von Rudl betreuten Werken waren verschiedene Künstler beteiligt. Dass dieses fromme Einzelblatt auch von Rudl entworfen wurde, ist eher unwahrscheinlich – ein Künstler ist jedenfalls nicht verzeichnet. Die Symbole sind hier in ungewöhnlicher Reihung aneinander gefügt. Um die Marienfigur, die in die Mitte gesetzt wurde, bilden die Symbole sogar einen rahmenden Bogen. Die Pforte des Himmels ist das fünfte Symbol der sechsten Reihe. Trotz der geringen Größe von gerade einmal 3 x 4 Zentimetern wurde die Pforte repräsentativ gestaltet, mit Doppelsäulen und zwei Vasen auf dem Gebälk.

 

Ebenfalls dem 19. Jahrhundert wird diese Himmelspforte zugeordnet. Sie ist in der Lombardei entstanden, möglicherweise als diese Region von den Habsburgern regiert wurde. Im Unterschied zu anderen hier versammelten Beispielen handelt es sich um eine Ölmalerei von nicht weniger als 55 verschiedenen Motiven, die in fünf Reihen übereinander gesetzt wurden. Dasjenige Motiv mit der Pforte befindet sich in der Mitte der vierten Reihe. Leider ist der Erhaltungszustand schlecht, Einzelheiten lassen sich nur noch erahnen. Noch erkennbar ist, dass die Pforte mit zwei Säulen klassisch gehalten ist, offen steht, und einen blauen Hintergrund hat. Möglicherweise ist ihr ein Wappen aufgesetzt. Maler, Auftraggeber, heutiger Aufbewahrungsort: alles unbekannt.

 

Von einer anderen Bildtafel kennen wir ausnahmsweise den Künstler und das Entstehungsjahr. José María Marés (1804-1875) war ein Künstler und Drucker aus Barcelona. 1861 veröffentlichte er in Madrid einen 44 x 30 Zentimeter kleinen Holzschnitt mit dem Titel „Letania de la santisima virgin“. Eines seiner Flugblätter hat sich im New Yorker Metropolitan Museum of Art erhalten. Auf diesem sind zahlreiche kleine Marienbilder phantasielos aneinander gereiht, die mit ihren unterschiedlichen Symbolen ausgestattet sind. Eines der Felder zeigt die Heilige Maria, die von einer Himmelspforte wie von einem Bilderrahmen umfasst ist.

 

Auch in Italien war die Marienlitanei als Druckgrafik weiterhin präsent. Ein Beispiel ist eine kolorierte Lithographie, die in Turin entstanden war. Zu dem Zeitpunkt, als Carlo Verdoni 1875 diese Arbeit veröffentlichte (heute Museum Turin, Collenzione Cavalli), war dieser Teil Savoyens gerade zum neugegründeten italienischen Königreich gekommen; die Industrie, der Handel und die Künste blühten auf. „Litanei della Beata Vergine Maria“ verzichtet auf eine größere Mariendarstellung, sondern bringt 56 verschiedene Mariensymbole, darunter als siebtes Bild in der fünften Reihe eine Himmelspforte, in Küchenlatein als „Ianna Caeli“ tituliert. Ob diese Pforte offen oder geschlossen sein soll, kann auf dem kleinen Bildchen nicht mit letzter Gewissheit entschieden werden.

 

Noch jüngeren Datums ist diese Marienlitanei. Die Zeichnung hat im Original den unten angegebenen Titel „Die Lauretanische Litanei“, der gängige Begriff für dieses Genre. Es handelt sich bei dem gesamten Bild um eine komplexe Schau- oder Lehrtafel. Jedes Motiv wurde mit einem kleinen Bildchen versehen, samt deutscher Bezeichnung, darunter stets der Vers: „Bitte für uns“. Das erste Bildchen der sechsten Reihe präsentiert die Himmelspforte. Im vorliegenden Fall handelt es sich um ein barockes Tor, welches offen zu sein scheint. Über der Pforte schwebt eine Marienfigur und hält segnend ihre Hände, unter der Pforte schwebt ein Engelskopf. Entwerfer wie Stecher dieser Lithographie sind namentlich nicht bekannt. Entstanden ist sie um 1880 als Massenware für katholische Gläubige im deutsch-niederländischen Grenzraum. Der Zweck der Schau- oder Lehrtafel ist nicht eindeutig zu bestimmen, sicherlich ging es auch um die Propagierung der Marienverehrung. Genau so gut könnte diese Tafel bei Gottesdiensten oder Prozessionen Einsatz gefunden haben.

 

Eine letzte Zusammenstellung der Marienlitanei, deren Symbole immer noch in der Reihe wie in den vorangegangenen Editionen angeordnet sind, entstand in Italien in den 1920er Jahren. Auch hier findet man die Pforte zwischen dem Altar links und dem Marienstern rechts, in der sechsten Reihe. In dieser Anordnung werden die Symbole auch in der Litanei erwähnt, daher verändert sie sich nicht. Unverändert ist auch die lateinische Sprache, in der das Gebet, jetzt auch „Ora pro nobis“ genannt, weiterhin gesprochen wurde. Allerdings handelt es sich meist um Küchenlatein; so heißt die Pforte hier auf einmal „Junua Celis“ (statt „Janua Coeli“). In der Gestaltung der Pforte (wie auch der übrigen Symbole) kehrte man zu den ersten, frühen Fassungen zurück; die römisch-katholische Kirche setzte auf Bewährtes. 

 

Ganz verloren gegangen ist diese Tradition nie, auch wenn sie sich heute vielleicht von Europa in andere Regionen verlagert hat. „The Litany of the Blessed Virgin Mary“ ist der Name eines Altars zu Ehren Mariens aus der römisch-katholischen Kirche Shrine of Mary, Queen of Peace, Our Lady of EDSA in Manila auf den Philippinen. Ein oder mehrere Künstler haben hier ca. 40 verschiedene Mariensymbole in bunten Farben auf zwei Flügel einer Tafel vereint. Zahlreiche der Symbole werden auch als Postkarten verkauft, darunter die Himmelspforte, Ianua Coeli. Der Torbogen in der Mitte ist mit einem „M“ für „Maria“ versehen.

 

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