Wandmalerei „Weltgericht“ der Geburtskirche von Bagnot (1484)

Die Kirche von Bagnot, die später den Namen Geburtskirche (Église de la Nativité) bekam, wurde, so wird vermutet, durch Initiative des Herzogs von Burgund erbaut, der hier ein Jagdhaus unterhielt. Das würde auch die großflächigen Wandmalereien erklären, die sich die Ortschaft von Bagnot, die im Mittelalter gerade einmal aus einem Dutzend von Höfen bestand, hätte leisten können. Zunächst noch mitten im Wand entstand eine Kapelle, die den heutigen Chor der Kirche ausmacht, später kam das Längsschiff und der Glockenturm hinzu. Die farbintensiven Malereien sollen erst im 15. Jahrhundert aufgemalt worden sein, sie betreffen alle Wand- und Gewölbepartien des Chorbereichs.

Diese wurden zufällig bei Restaurierungsarbeiten 1862/63 wiederentdeckt und anschließend unter dem damaligen Pfarrer, Abbé Jouard, freigelegt. Schon damals wurden Freilegungen mit großem Interpretationsspielraum und Ergänzungen vorgenommen. Das wiederholte sich 1983, als der Restaurator Louis-Joseph Ypermann zwar den vorgefundenen Bestand respektierte, aber ebenfalls eigene Akzente hinzufügte. Wir haben in der Kirche also Malereien aus dem 15. Jahrhundert, aus den 1860er Jahren und von 1983, auch wenn man zwischen 2015 und 2018 versuchte, wieder die ursprüngliche Einheitlichkeit herzustellen. Immerhin ist es Ypermann zu verdanken, dass eine Inschrift entdeckt wurde, die die Malereien zweifelsfrei auf 1484 datieren lässt. Auftraggeberin war damals vermutlich eine Catherine de Chauvigny, die Witwe von Charles 1er d‘ Amboise, Gouverneur von Argilly.
Im Zentrum des Gewölbes erscheint Christus als Weltenrichter, in der ersten Arkade (westliches erstes Joch) ist das Neue Jerusalem thematisiert, gegenüber auf dem östlichen Joch die Hölle.

Die gesamte obere Hälfte ist von einem gewaltigen Engel ausgefüllt, der mit einer Posaune zum Gericht ruft. Darunter kommen links wie rechts Auferstandene aus den Gräbern, eine Szene, die Ypermann zugeschrieben wird. Unter den Personen finden sich neun geistliche wie weltliche Ständevertreter. Allein die Person aus dem Grab ganz rechts könnte ein Handwerker, Bürger oder Tagelöhner sein. Dazwischen thront Gottvater über Christus, der einen Kelch hält und mit den Aposteln Abendmahl feiert. Unter Gottvater werden zahlreiche Gerettete in einem Tuch gewogen – eine Abwandlung des Motivs Abraham als Seelenwieger, was vor allem in der Ostkirche populär war. Auf dem Tuch steht hier: „Venite Benedicti“ – der lateinische Beginn eines bekannten Bibelverses aus dem Matthäusevangelium (Kap. 25, Vers 34) und ein traditioneller gregorianischer Gesang. Diese Szenen und Motive sind von mächtiger Architektur umzogen: steile hohe Mauern, ohne jeglichen Schmuck, komplett rot, dazwischen vier niedrige Türme. Der Fensterdurchbruch dazwischen sieht heute (zufällig?) so aus wie ein Torbogen in die himmlische Stadt. Ursprünglich befand sich hier gar kein oder ein wesentlich kleineres Fenster. Das zeigt auch die Malerei: rechts ist neben einem stehenden Engel ein Fragment von einem Haus zu finden, welches durch den Durchbruch beschädigt wurde.

Eine weitere Besonderheit befindet sich auf der linken Seite. Dort kämpfen ein Engel und ein Teufel um eine menschliche Seele (vg. den T-Kodex, códice rico). Der Teufel hat den Menschen am Bein und an den Haaren gepackt, der Engel zieht an einem der Arme – wie der Kampf ausgeht, ist ungewiss.

Ein anderer Kampf ist bereits entschieden: Vor dem Tor werden mehrere gut gekleidete Menschen in einem Wagen von zwei Teufeln abtransportiert. Die Höllendarstellung befindet sich, wie erwähnt, eigentlich auf der gegenüber liegenden Seite. Dennoch ist es einigen Teufeln gelungen, auf die „gute Seite“ hinüberzugelangen, bis unmittelbar vor die Tore des Neuen Jerusalem. Das findet sich durchaus öfters, wohingegen kaum einmal Engel die Hölle aufsuchen, um dort noch Seelen zu retten.

Henri Baudot: Rapport sur la découverte des peintures murales de l’église de Bagnot (Côte-d’Or), Dijon 1863.
Die Kirche von Bagnot und ihre mittelalterlichen Wandmalereien, Bagnot, um 2024.
Lambert M. Surhone: Bagnot. Côte-d’Or, Communes of the Côte-d’Or Department, Burgundy, Regions of France, o.O. 2026.

 

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