Fresken aus Saint Martin in Nohant-Vic (Mitte 12. Jh.)

Dem Priester J. B. Périgaud verdanken wir die Entdeckung romanischer Fresken in dem Ort Vic und auch ihre frühe Erforschung. Périgaud kommt auch das Verdienst zu, dem Bau, der zu seiner Zeit als Scheune landwirtschaftlich genutzt wurde, wieder seiner ursprünglichen Funktion zuzuführen. Heute gibt es sogar neben der Kirche ein Informationszentrum, das allein den Fresken von Vic gewidmet ist – das zeigt die hohe Bedeutung der Malereien für die Region Centre-Val de Loire. Die „Fresken von Vic“ sind dort sprichwörtlich. Zwei Mal wurden die Fresken sogar 1:1 kopiert: in Paris in der Cité de l‘architecture et du patrimoine und im Museum von Naruto (Japan).
Die Martinskirche von Vic gehörte im Mittelalter zu der Benediktinerabtei Notre-Dame de Déols, von wo aus die Künstler der Innengestaltung her kamen. Darauf hin deutet auch das Arkadenmotiv (s.u.), welches typisch für Kirchen und Kapellen im Umkreis der Benediktiner ist.
Bis heute sind die Fresken nicht vollständig freigelegt, doch was freigelegt ist, befindet sich in einem erstklassigen Zustand. Romanische Freskenkunst, entstanden zwischen 1135 bis 1165 unter Abt Hervé de Bourg-Dieu, lässt sich hier in ihrer höchsten Ausformulierung studieren. Bislang ist nicht ganz geklärt, weshalb eine einfache Dorfkirche eine solche Ausstattung bekommen konnte. Vollständig geklärt ist allerdings der durchdachte Bildaufbau mit verschiedenen Themen und Motiven, vereinheitlicht vor allem durch überwiegend orange, rote und weiße Farbtöne.

Betritt man das Kirchenschiff von Westen durch den Turmvorbau, blickt man frontal auf den Triumphbogen. Die Masse der Laien stand über Jahrhunderte vor diesem Bogen und blickte auf Christus in einer bereits frühgotischen Mandorla, umgeben von den Aposteln, darunter das mystische Lamm. Die Bezüge zum Weltgericht könnten daher dazu verleiten, anzunehmen, dass darunter links Gerettete im Neuen Jerusalem sein könnten – es handelt sich aber um die Präsentation des kleinen Jesu im Tempel (Lukasevangelium, Kapitel 2, Vers 22).

Bewegt man sich weiter durch den Triumphbogen gelangt man in den quadratischen Chor. Diese war, mit seinen weiteren Ausmalungen, allein den Priestern vorbehalten. Oben ist auf der rechten Seitenwand (Südwand) der Einzug von Christus in das historische Jerusalem dargestellt, unten, wo große Flächen verloren sind, wurde vermutlich sein Erscheinen im Himmlischen Jerusalem gezeigt.

Links sind noch insgesamt sechs Arkaden zu sehen (ursprünglich waren es mehr), die, was typisch für diese Szene ist, wahlweise einen roten oder blauen Hintergrund haben (vgl. etwa das Weltgericht der Abtei Sainte-Marie d’Orbieu in Lagrasse). Die größere Figur rechts ist entweder ein Heiliger, möglicherweise Petrus, nach anderer Interpretation Abraham als Seelenwieger (nicht Seelenwäger, das wäre der Erzengel Michael, der ikonographisch in diesem Kontext erst später populär wurde).

 

 

Jean Hubert: Les peintures murales de Vic et la tradition géometrique, in: Cahiers Archéologique, Paris, 1, 1945, S. 77-88.
François Garnier: Le langage de l‘image au moyen age. Signification et symbolique, 2 Bdd., Paris 1982-1989.
Marcia Kupfer: Les fresques romanes de Vicq, in: Congrès Archéologique de France, 142nd session, 1987, S. 337-342.
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Gérard Guillaume: The frescoes of Vic. History – Reading the images – Style and technique – Symbolism, space, and iconography, La Châtre, 1997.
Éliane Vergnolle: L’art roman en France, Paris 2005.
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