Wandmalerei der Abtei Sainte-Marie d’Orbieu in Lagrasse (1280-1309)

In Lagrasse in der Region Languedoc-Roussillon sind seit 779 bis heute Mönche unterschiedlicher Ordensrichtungen ansässig. Der Komplex wurde in der Französischen Revolution zweigeteilt: Ein Teil gehört dem Staat, heute dem Département Aude, und ist als Abtei Lagrasse (inklusive der historischen Räume und Kapellen) für Besucher zugänglich. Der andere Teil, einschließlich der Kirche, wird seit 2004 wieder von einer Gemeinschaft regulärer Kanoniker (Chorherren) bewohnt und genutzt. Die Abtei samt des mittelalterlich geprägten Dorfes und des kleinen Flusses Orbieu gilt vielen als eines der schönsten Orte von ganz Frankreich; zu Recht gehört Lagrasse zu den „Les Plus Beaux Villages de France“.

Die dortige Abtei Sainte-Marie d’Orbieu wurde als Station des Jakobwegs nach Compostela das erste religiöse Zentrum im Languedoc und schnell sehr wohlhabend, man nannte sie daher auch „die Fette“. Ihre einstige Ausstattung, von der sich allerdings über die Jahrhunderte wenig erhalten hat, muss prachtvoll und beeindruckend gewesen sein, die besten Künstler ihrer Zeit bekamen hier Aufträge.
Zwischen 1280 und 1309, als der Benediktiner Auger de Gogenx als 36. Abt dem Kloster vorstand, entstand ein gotisches Aquarell, das sich Dank einer Restauration von Marcel Nicaud aus dem Jahr 1953 gut erhalten hat. Es wurde in der oberen Saint-Barthélémy-Kapelle angebracht, in dem der Abt mit der Kommunität seine Andachten und Gottesdienste abhielt. Um schnell in diese Kapelle zu gelangen, befindet sie sich direkt neben dem Dormitorium der Mönche.
Heute gelangt man nicht mehr schnell in diese Kapelle, sondern gar nicht mehr. Der Zugang von der Galerie aus führt heute nur etwa einen halben Meter über den Türbalken in den Raum und endet mit einer verschlossenen Glastür. Angeblich müssten die originalen Fliesen der Kapelle, auf der Jahrhunderte Mönche umherwanderten, vor heutigen Besuchern geschützt werden. Selbst langjährige Mitarbeiter des Museums haben diesen Raum noch niemals betreten! Das war allerdings nicht immer so: Bei meinem ersten Besuch der Abtei Ende der 1990er Jahre durfte man den Raum betreten und ich konnte mir die Malereien aus der Nähe ansehen (siehe Aufnahme oben).

Viele Besucher allerdings sehen sich die Kapelle nur durch die Glastür an und blicken auf die Ostwand mit dem Altar, die daher in Fotosammlungen und im Internet öfters zu finden ist. Immerhin findet sich hier bereits eine Wandmalerei, die auf die apokalyptische Thematik einstimmt: der Baum des Lebens. Die Westwand, die künstlerisch viel wertvoller ist, kann man nur betrachten, wenn man das kleine Fenster in der Mitte des Dormitoriums entdeckt. Seine einstige Funktion: Kranke Mönche konnten hier vom Bett aus die Messe verfolgen.

Auf fünf Ebenen der Westwand ist die Gemeinschaft der Heiligen dargestellt, mit dem Himmel, der Hölle und dem Abwägen der guten wie schlechten Taten. Die oberste Ebene ist nur in Fragmenten erhalten. Auf der Ebene darunter thront Christus, umgeben von den Aposteln und weiteren Heiligen. Darunter erscheinen links über den Mauern einer Stadt Engel und musizieren; zu erkennen sind Schellen, eine Fidel und eine Laute. Unter den Musikanten befindet sich die Stadtmauer, die wiederum aus vier Ebenen besteht. In jeder Ebene öffnen sich Arkaden, in denen man Porträts von Heiligen erblickt. Der Bogenhintergrund ist wahlweise rot (besser erhalten) oder blau (stak verblasst). Diese Art der Darstellung kannte man in Frankreich bereits aus der Kapelle St Michel in Aiguilhe, am meisten ähnelt sie derjenigen in der Kirche Saint-Mars-de-Locquenay. Auch in die Buchmalerei hat die Kopfreihung Einzug gehalten und war gerade im 13. Jahrhundert beliebt; es soll hier allein auf MS 57 (um 1280) hingewiesen werden.
Es wird vermutet, dass bei der künstlerischen Ausgestaltung in Lagrasse die Fachkräfte beteiligt waren, die zur gleichen Zeit an der Kathedrale von Narbonne und Saint Nazaire beschäftigt waren. Infolge der Bedrohung durch die Katharer baute Gogenx das Kloster auch zur Festung aus. Der Hundertjährige Krieg und Plünderungen während der Französischen Revolution haben dem Kloster schweren Schaden zugefügt, und die fehlenden Stellen, die auf dem Aquarell auch nach seiner zweiten Restaurierung 2010 bis 2012 weiterhin zu finden sind, rühren vom Vandalismus der Jahre um 1792 her.

Marcel Durliat, Daniel Drocourt: L’abbaye de Lagrasse, in: Session: Congrès Archéologique de France. Société Française d’Archéologie, 131, 1973, S. 104-122.
Eugène Bareil: Lagrasse. 12 siècles d’histoire. L’abbaye bénédictine de Sainte-Marie d’Orbieu, le village et son terroir dans les Corbières, o.O. 2005.
Abbaye Sainte-Marie de Lagrasse. Chanoines réguliers de la Mère de Dieu, Moisenay 2006. 

 

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