Michael Amberg (geb. 1939): Patene aus der Kapelle Osterbrünnl in Ruhmannsfelden (1997)

Die Vorstellung, dass im Himmlischen Jerusalem zusammen mit Christus ein ewiges Abendmahl gefeiert werde würde, ist alt. Man findet diese Vorstellung bereits auf frühmittelalterlichen Arbeiten (etwa aus Burgund), auch zahlreiche Ikonen zeigen diese Thematik. Sie löst auch das Problem, was die Menschen im Neuen Jerusalem in der Ewigkeit eigentlich machen sollten. Von daher läge es eigentlich nahe, auch auf dem Abendmahlsbesteck, also Kelch (Vasa Sacra) und Patene, das Neue Jerusalem darzustellen – denn es führt ja der Genuss des Abendmahls nach christlicher Lehre zur Gemeinschaft mit Christus und den Heiligen. Dennoch ist das Bildmotiv über Jahrtausende, soweit bekannt, aus unbekannten Gründen nicht im Zusammenhang mit dem Abendmahlsbesteck aufgegriffen worden.
Dass es überzeugend umgesetzt werden kann, belegt einzig und allein eine Patene aus der Wallfahrtskapelle Unserer Lieben Frau beim Osterbrünnl in Ruhmannsfelden, einem Ort im Teisnachtal des Bayerischen Waldes (Niederbayern). Dort finden hin und wieder Messen im Rahmen von Wallfahrten statt, bei denen dann das Abendmahlbesteck zum Einsatz kommt.

Die Patene aus vergoldetem 925er Silber ist von der Form her ein gewöhnlicher Teller, der zur Darbietung der Hostien dient, meist in Form von Oblaten (daher auch Hostienschale genannt). Dieses Exemplar mit einem Durchmesser von 25 Zentimetern zeigt in der Mitte ein Lamm mit sieben Hörnern, umgeben von sieben Sternen. Es steht auf einer kleinen Erhöhung, die den Zionsberg andeutet. Auf dem umlaufenden Tellerrand wurden zwölf Stadttore graviert, schmale Bögen mit Zinnen. Zwischen die Tore sind Abteilungen der Stadtmauer eingefügt, als eine Art Schmuckbordüre mit vier Zacken, Sternen und Kreisen darunter bzw. darüber. Sie sind aber nicht nur Schmuck, sonder erinnern an den brennenden Dornbusch als biblisches Bild für die Gottesgegenwart.

Die Patene wurde von Pfarrer Helmut Meier in Auftrag gegeben und, zusammen mit dem Kelch in Form des Tassilo-Kelches, im Jahr 1997 angefertigt. Dem Kunstwerk liegt eine subtile Idee zugrunde: In der byzantinischen Liturgie wird das eucharistische Brot auch als „Lamm“ bezeichnet. Wenn das Brot für die Eucharistie in der Tellervertiefung liegt, sieht man nur noch den Tellerrand mit den zwölf Toren des himmlischen Jerusalem, denn das „Lamm“ ist dort die Mitte. Ist der Teller leer, zeigt das dann sichtbare Bild des Lammes an, was die Bestimmung dieses Tellers ist.
Unter Meier konnte die Kapelle Anfang der 1990er Jahre umfassend saniert werden. Der Pfarrer war künstlerisch interessiert, insbesondere an Ikonen der Ostkirche, wo, wie erwähnt, die Darstellung des ewigen Abendmahls vielleicht am ausgeprägtesten ist. Die prägnante Form des Lammes konnte bei der Zuweisung des Künstlers oder der Künstlerin helfen. Die sichere Durchgestaltung zeigt an, dass es sich um einen versierten Künstler gehandelt haben muss, der diesen an sich schwierigen Gegenstand nicht zum ersten Mal ausführte. In Frage käme Franz Nagel, der aber zum betreffenden Zeitpunkt bereits verstorben war, dann auch Emil Wachter oder Alfred Heller, die aber das Lamm mehr expressiv darstellten. Zeitweise dachte ich auch an Helmut Münch (1926-2008), der zwar seinen Schwerpunkt auf Glasmalereien und Liturgica in evangelischen Kirchen gelegt hatte, aber durchaus auch für katholische Gemeinden arbeitete. Erst nach langwierigen Nachforschungen und Anfragen konnte zweifelsfrei geklärt werden: Das Kunstwerk entstand nach Ideen von Meier durch den Goldschmied Michael Amberg (geb. 1939) aus Würzburg. Dieser gestaltete später noch eine Reliquienkrone für die Krypta der Kirche St. Andreas in Fulda mit Anklängen zum Himmlischen Jerusalem.

Schwierige Entstehung. Die Osterbrünnl-Kapelle bei Ruhmannsfelden, in: Katholische Sonntags-Zeitung, 85, 32 (13./14. August 2016), S. V.
Sanita Smuidrina-Keil, Matthias Keil: Die Wallfahrtskapelle Osterbrünnl, o.O. um 2025.

 

tags: Niederbayern, Abendmahl, Kreis, Silberarbeit, Lamm
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