J. Schmidt: Deckenmalerei der Marienkapelle Waibstadt (1884)

Waibstadt ist eine Kleinststadt mit gerade einmal 5000 Einwohnern im Rhein-Neckar-Kreis. Der Ort hat mit einer Kapelle ein bedeutendes Marienheiligtum, das bis in das 15. Jahrhundert zurückreicht. Das Kreuzrippengewölbe wurde 1884 nach Plänen des Architekten Otto Ehrmann aus rotem Sandstein erbaut, anschließend üppig und farbig ausgemalt.

Wer dies gewesen war ist nicht bekannt. Otto Ehrmann, ein kommunaler Baubeamter und Architekt aus Waibstadt, kommt nicht in Frage; in der Literatur wird noch ein Künstler J. Schmidt aus Sinsheim genannt, über den aber ansonsten nichts Konkretes in Erfahrung zu bringen ist, was für seine Mitarbeit an der Deckenmalerei sprechen würde. Da es sich aber bei den Malereien um die wichtigste bauliche Maßnahme gehandelt hat und andere Kunstwerke damals noch nicht fertiggestellt waren, kommt dieser J. Schmidt durchaus in Frage.
Stilistisch handelt es sich um historistische Malereien, angelehnt an die Fresken aus Pompeji. Auf der Deckenmalerei findet man neben floralen und geometrischen Ausschmückungen auch Engel und verschiedene Symbole Mariens. Diese sind jeweils in ein ein Meter großes Medaillon gefasst und in Vierergruppen zusammengefasst.

Dabei ziert jeweils ein Medaillon eine der flachen Kappen. Die Malerei mit dem Himmlischen Jerusalem in Form einer Himmelspforte befindet sich im mittleren Kirchenschiff im zweiten Joch. Sie hat die Form eines dreitorigen Triumphbogens. Unten zeigt er sich in klassizistischer Gestalt, oben ist ihm ein Glockenturm mit lateinischem Kreuz aufgesetzt – eine in Realität wie in künstlerischer Fantasie selten zu findende Kombination.
Im erhöhten mittleren Bogen spielt sich das eigentliche Geschehen ab. Eine schlanke, in einem weißen Gewand gekleidete Figur, hält sich mit beiden Händen an einer am Bogen hängenden Girlande fest. Noch ist das Urteil nicht gesprochen: Rechts hält ein Engel ein Sündenregister nach oben, eine Waagschale neigt sich bedenklich nach unten. Auf der anderen Seite steht ein weiterer Engel mit einem Flammenschwert. Dieses ist nach unten gerichtet als Zeichen für Vergebung und Frieden.

Stadt Waibstadt (Hrsg.): 1200 Jahre Waibstadt. Beiträge zur Geschichte der ehemals freien Reichsstadt, Waibstadt 1995.
Carola von Albedyll (u.a.): 150 Jahre Stadtpfarrkirche Waibstadt. Unsere Liebe Frau Beata Maria assumpta – Mariä Himmelfahrt, Waibstadt 2018.

 

tags: Historismus, Baden, Triumphbogen, Wallfahrtsort
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